Die Einladung zeigte ein Porträt: „Two Moons – Cheyenne“, aufgenommen 1910. Daneben standen die Daten, 29. Februar bis 18. April 2004, und der Ort, die Paulinerkirche am Papendiek 14. Für knapp sieben Wochen hingen im Historischen Saal der Göttinger Universitätsbibliothek 130 großformatige Fotogravüren von Edward Sheriff Curtis, ausgewählt aus einem der aufwendigsten Buchprojekte des frühen 20. Jahrhunderts. Die Einladung nannte die Herkunft der Blätter gleich im Untertitel: „Fotografien aus der Pierpont Morgan Stiftung“.
Die Ausstellung lohnt einen Rückblick aus zwei Gründen. Sie machte einen Bestand sichtbar, der sonst nicht öffentlich zu sehen ist. Und sie erzählte nebenbei eine Göttinger Geschichte, die mit Fotografie zunächst wenig zu tun hat, nämlich die eines amerikanischen Bankiers, der als junger Mann zwei Semester an der Georgia Augusta verbrachte.
Edward S. Curtis und sein Lebensprojekt
Curtis wurde 1868 in Wisconsin geboren, als Sohn eines Predigers, der zugleich Veteran des Bürgerkriegs war. In Seattle betrieb er zunächst gemeinsam mit Thomas Guptill ein Fotostudio, später ein eigenes. 1899 nahm er als offizieller Fotograf an der Harriman-Expedition nach Alaska teil, und in diesen Jahren reifte der Plan, der sein weiteres Leben bestimmen sollte: die indigenen Völker Nordamerikas in Bild, Text und Ton umfassend zu dokumentieren.
Der Umfang dessen, was daraus wurde, ist bis heute schwer zu fassen. Curtis besuchte über 80 Gemeinschaften, von den Apache und Navajo im Südwesten über die Crow in den Plains bis zu den Kwakwaka’wakw an der Pazifikküste und den Inuit und Yupik in Alaska. Er machte rund 40.000 Aufnahmen und über 10.000 Tonaufnahmen von Sprache und Musik auf Wachszylindern. 1914 drehte er mit „In the Land of the Head Hunters“ einen Spielfilm mit Darstellern der Kwakwaka’wakw, der eine eigene kleine Odyssee hinter sich hat. Curtis verkaufte die Rechte 1923 für 1.500 Dollar, danach galt der Film als verloren. 1947 tauchte eine Kopie auf, ab 1967 wurde restauriert, und 1974 kam er unter dem neuen Titel „In the Land of the War Canoes“ wieder in die Kinos. 1999 nahm ihn die Library of Congress in das National Film Registry auf.
Das Hauptwerk aber ist „The North American Indian“. Zwischen 1907 und 1930 erschienen 20 Textbände, zu jedem eine Mappe mit großformatigen Bildtafeln, insgesamt über 2.000 Aufnahmen als Fotogravüren. Die Texte gab der Anthropologe Frederick Webb Hodge heraus, das Vorwort zum ersten Band schrieb Theodore Roosevelt. Mitarbeiter wie William E. Myers und Alexander B. Upshaw, ein Angehöriger der Crow, sammelten Sprachen, Lieder und Überlieferungen.
Die Reihenfolge der Bände folgt grob den Reiserouten. Der erste Band von 1907 widmete sich den Apache und ihren Nachbarn im Südwesten, die beiden letzten erschienen 1930 gemeinsam: der neunzehnte über Gemeinschaften im heutigen Oklahoma, der zwanzigste über die Bewohner Alaskas. Zwischen dem ersten und dem letzten Band liegen 23 Jahre Feldarbeit, Redaktion und Druck.
Das Unternehmen war ruinös teuer. Geplant waren 500 Exemplare, verkauft wurde nur ein Bruchteil davon; die Angaben in der Literatur schwanken zwischen gut 220 und rund 280 Sätzen. Curtis selbst bezog für das Projekt kein Gehalt. 1928 trat er die Rechte an J. P. Morgan Jr. ab, den Sohn seines Förderers. 1935 verkaufte der Morgan-Nachlass die restlichen Bestände, Druckplatten und Rechte für 1.000 Dollar an eine Buchhandlung in Boston, die Charles E. Lauriat Company. Dort lagerten sie, bis sie 1972 wiederentdeckt wurden. Curtis starb 1952 in Kalifornien, zu diesem Zeitpunkt weitgehend vergessen.
Der Weg nach Göttingen: John Pierpont Morgan als Student und Stifter
Ohne Morgan gäbe es das Werk nicht, und ohne Morgan läge es nicht in Göttingen. Auf Anregung Theodore Roosevelts sagte der Bankier 1906 zu, Curtis’ Feldarbeit mit insgesamt 75.000 US-Dollar zu unterstützen, verteilt über fünf Jahre. Nach Morgans Tod 1913 flossen aus dem Familienvermögen noch einmal 400.000 Dollar in das Projekt, dessen Gesamtkosten auf 1,2 Millionen Dollar geschätzt werden. Als Gegenleistung erhielt Morgan 25 Exemplare der limitierten Auflage und 500 Originalabzüge.
Der Mann, der da unterschrieb, galt zu diesem Zeitpunkt längst als eine der Legenden der Wall Street. Morgan hatte sich an der Gründung von General Electric und U.S. Steel beteiligt, Eisenbahn-Trusts gefördert und Thomas Edisons Experimente finanziert; mehrfach stützte er mit großen Summen die amerikanische Wirtschaft. Nebenbei baute er eine der größten privaten Kunstsammlungen auf, mit Gemälden, Münzen, Handschriften und Büchern. Ein Fotoprojekt über die indigenen Völker war für ihn eine Förderung unter vielen, für Curtis die Existenzgrundlage.
Eines der 25 Exemplare, die Nummer 8, schenkte er der Göttinger Bibliothek. Der Grund liegt rund ein halbes Jahrhundert zurück. Morgan war mit 19 Jahren nach Göttingen gekommen und hatte im Sommersemester 1856 und im Wintersemester 1856/57 an der Georgia Augusta studiert. Er hörte Trigonometrie bei Georg C. Justus Ulrich und Chemie bei Friedrich Wöhler und nutzte den Aufenthalt vor allem, um sein Deutsch zu verbessern. 1891 übernahm er das Familienunternehmen von seinem Vater.
Die Verbindung riss nicht ab. Im Februar 1912 wies Morgan einen Scheck über 50.000 US-Dollar für die Göttinger Bibliothek an. Den Kontakt hatte Thomas Cuming Hall hergestellt, ebenfalls ein früherer Göttinger Student, der 1884 die Tochter des Göttinger Botanikprofessors Friedrich Gottlieb Bartling geheiratet hatte. Mit dem Geld wurde 1913 an der Bibliothek die John Pierpont Morgan Foundation gegründet. Bis 1920 kaufte die Bibliothek aus den Zinsen mehr als 2.500 Titel englischer und amerikanischer Literatur, dazu kamen Buchgeschenke aus dem Besitz Morgans und seines Sohnes. In den beiden Weltkriegen wurde das Stiftungsvermögen entwertet; mit dem verbliebenen Rest von rund 8.200 Mark kaufte die SUB 1967 noch einmal englische und amerikanische Bücher.
Man kann diese Episode als Fußnote lesen. Sie erklärt aber einen Teil der außergewöhnlich reichen Göttinger Bestände an englischer und amerikanischer Literatur, und sie erklärt, warum ausgerechnet hier ein vollständiger Curtis-Satz steht.
Die Ausstellung im Februar 2004
Eröffnung und Auswahl
Die Eröffnung fand am Sonntag, 29. Februar 2004, am späten Vormittag in der Paulinerkirche statt. Universitätspräsident Horst Kern begrüßte die Gäste, der Fotohistoriker Hans Christian Adam sprach über „Curtis und die nordamerikanischen Indianer“, und Elmar Mittler, Direktor der SUB, eröffnete die Schau.

Aus den über 2.000 Tafeln wählte die Bibliothek 130 großformatige Schwarz-Weiß-Drucke aus. Jedes Blatt hing mit seiner originalen Bildunterschrift, also in Curtis’ eigenen Worten und mit seinen Titeln. Das war eine bewusste Entscheidung, denn diese Bildunterschriften sind selbst ein Dokument ihrer Zeit, oft poetisch, gelegentlich herablassend, immer geprägt von der Vorstellung einer „verschwindenden Rasse“. Zu den Motiven, die die Bibliothek für die Pressearbeit auswählte, gehörten neben Two Moons die Porträts „Bull Chief“ und „A Son of the Desert“.
Neben den Fotogravüren zeigte die Ausstellung ein sehr frühes Filmdokument von Curtis über die nordamerikanischen Indianer. Zur Ausstellung erschienen ein Katalog und eine CD-ROM.
Der Zeitpunkt passte in ein Göttinger Frühjahr, das sich ohnehin mit Amerika beschäftigte. Im Sommersemester 2004 veranstalteten Universität und Akademie der Wissenschaften die Ringvorlesung „Amerika und Deutschland – Ambivalente Begegnungen?“, getragen vom American Studies Program des Seminars für Englische Philologie und dem Zentrum für Europa- und Nordamerika-Studien. Anlass war unter anderem der hundertste Jahrestag der Weltausstellung von St. Louis 1904, zu der Gelehrte wie Max Weber, Werner Sombart, Ludwig Boltzmann und Wilhelm Ostwald in die Vereinigten Staaten gereist waren. Eine Fotoausstellung über den amerikanischen Westen, finanziert von einem amerikanischen Bankier mit Göttinger Studienjahren, fügte sich in diese Fragen fast zu gut ein.
Wie die Blätter wirken
Wer nie vor einer Curtis-Fotogravüre gestanden hat, unterschätzt leicht, was diese Technik leistet. Eine Fotogravüre ist kein fotografischer Abzug, sondern ein Tiefdruck von einer geätzten Kupferplatte. Die Halbtöne entstehen aus feinem Korn, die Schwärzen sind tief und samtig, und das Papier nimmt die Farbe anders an als ein Silbergelatinepapier. In einem Raum mit Bücherregalen und den Gipsabgüssen der archäologischen Sammlung wirkten die Blätter eher wie Druckgrafik als wie Fotografie. Die Presse sprach damals von „Zeugnissen bedrohter Traditionen“.
Die Resonanz war beachtlich. Die Universitätszeitung „uni|in|form“ vermerkte im Mai 2004, die Ausstellung habe große Aufmerksamkeit gefunden, und berichtete im selben Zug ausführlich über Morgan als Göttinger Stifter.
Ein schwieriges Erbe
Ein Rückblick auf diese Ausstellung kommt an der Kritik nicht vorbei, die seit den 1970er-Jahren mit der Wiederentdeckung des Werks gewachsen ist. Curtis hat inszeniert. Er bezahlte Menschen dafür, sich fotografieren zu lassen, manchmal mit Silberdollars, Rindfleisch oder signierten Abzügen. Er ließ Zeremonien nachstellen, gab seinen Modellen Kleidung und Requisiten, die nicht zu ihrer Gemeinschaft gehörten, und entfernte Spuren der Gegenwart. Das bekannteste Beispiel ist „In a Piegan Lodge“: Auf der veröffentlichten Fassung fehlt eine Uhr, die Curtis aus der Aufnahme retuschieren ließ.
Hinter diesen Eingriffen steht eine Idee, die Curtis im Vorwort des ersten Bandes offen aussprach: Die Überlieferung der indigenen Völker müsse sofort festgehalten werden, bevor sie verloren gehe. Die Menschen, die er fotografierte, lebten aber weiter, passten sich an, bewahrten Sprachen und Bräuche unter Bedingungen, die Curtis kaum zeigte. Kritiker werfen ihm vor, mit dem Bild vom „verschwindenden Indianer“ ausgerechnet das zu verdecken, was er zu dokumentieren vorgab. Auch der Film von 1914 gilt Ethnologen wegen seiner Kostüme und seiner zugespitzten Handlung als wenig authentisch.
Zugleich ist das Werk eine Quelle, auf die Forschung und Gemeinschaften selbst zurückgreifen: Wachszylinder mit Liedern, Vokabularien, Namen von Personen und Orten, Aufnahmen von Kleidung und Behausungen, die sonst nicht überliefert wären. Die Göttinger Ausstellung hat diese Spannung nicht aufgelöst, sondern mit den originalen Bildunterschriften sichtbar gemacht. Wer die Bildtexte las, konnte sehen, wie Curtis seine Modelle sah.
Nach der Ausstellung
Das Göttinger Exemplar befindet sich heute wieder im Bestand der SUB. Es ist kein Schaustück, das man an einem beliebigen Nachmittag betrachten kann. Wer die Bilder sehen möchte, findet sie inzwischen online: Die Northwestern University hat alle 20 Textbände samt Tafeln digitalisiert und frei zugänglich gemacht, und die Library of Congress besitzt über 2.400 Curtis-Abzüge. Die Indiana University verwahrt 276 der Wachszylinder, auf denen Curtis Lieder und Sprache aufnahm. Damit ist ein Werk, das einst nur wenige Subskribenten sehen konnten, heute leichter zugänglich als je zuvor, wenn auch nur am Bildschirm und ohne das samtige Schwarz der Gravüre.
Für die Paulinerkirche war die Curtis-Schau eine der ungewöhnlicheren Ausstellungen. Die meisten Schauen jener Jahre drehten sich um Handschriften, Drucke und Göttinger Gelehrte; hier hing Fotografie aus dem amerikanischen Westen an den Wänden eines Saals, in dem Heine einst geträumt haben will. Wie sie sich in die Reihe einfügt, zeigt die Chronik der Ausstellungen in der Paulinerkirche. Wenige Monate zuvor hatte der Saal das koreanisch-deutsche Projekt zu Jikji und der Gutenberg-Bibel beherbergt, im Sommer 2004 folgten die Bronzen von Günter Grass.
Wer heute vor dem Haus am Papendiek steht und sich fragt, wie ein Wall-Street-Bankier an diesen Ort kam, findet einen Teil der Antwort in der Geschichte der Paulinerkirche als Bibliothek der Universität. Den Weg dorthin beschreibt der Lageplan zur Paulinerkirche.
Häufige Fragen
Wann war die Curtis-Ausstellung in Göttingen zu sehen?
Die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek zeigte „The North American Indian – Indianerfotografien von Edward Sheriff Curtis“ vom 29. Februar bis 18. April 2004 in der Paulinerkirche am Papendiek 14. Eröffnet wurde sie am Sonntag, 29. Februar 2004, mit einer Begrüßung durch Universitätspräsident Horst Kern und einer Einführung des Fotohistorikers Hans Christian Adam. Gezeigt wurden 130 großformatige Schwarz-Weiß-Drucke.
Wie kam Göttingen zu einem vollständigen Exemplar von „The North American Indian“?
John Pierpont Morgan, der das Werk ab 1906 finanzierte, erhielt als Gegenleistung 25 Exemplare der limitierten Auflage. Eines davon, die Nummer 8, schenkte er der Göttinger Bibliothek. Morgan hatte im Sommersemester 1856 und im Wintersemester 1856/57 an der Georgia Augusta studiert und blieb der Universität verbunden; 1912 stiftete er zusätzlich 50.000 US-Dollar für den Erwerb englischer und amerikanischer Literatur.
Wie umfangreich ist „The North American Indian“?
Das Werk erschien zwischen 1907 und 1930 in 20 Textbänden, zu denen jeweils eine Mappe mit großformatigen Fotogravüren gehört. Insgesamt kamen über 2.000 Aufnahmen als Fotogravüren an die Öffentlichkeit. Curtis besuchte für das Projekt über 80 indigene Gemeinschaften Nordamerikas, machte zehntausende Aufnahmen und tausende Tonaufnahmen von Sprache und Musik. Herausgeber der Texte war der Anthropologe Frederick Webb Hodge.
Warum ist Curtis' Werk umstritten?
Curtis wollte nach eigener Darstellung eine angeblich verschwindende Kultur festhalten. Er bezahlte Menschen fürs Posieren, stellte Szenen nach, ließ Kleidung und Requisiten austauschen und retuschierte moderne Gegenstände weg, etwa eine Uhr auf dem Bild „In a Piegan Lodge“. Kritiker sehen darin ein romantisiertes Bild, das die Anpassungsfähigkeit und das Fortbestehen der Gemeinschaften ausblendet. Als ethnographische Quelle wird das Werk trotzdem intensiv genutzt.
Kann man die Fotogravüren heute online ansehen?
Ja. Die Northwestern University in Illinois hat alle 20 Textbände und die Bildtafeln digitalisiert und frei zugänglich gemacht. Auch die Library of Congress besitzt einen großen Bestand an Curtis-Abzügen. Das Göttinger Exemplar selbst befindet sich im Bestand der SUB und ist kein ständiges Ausstellungsstück; Einsichtnahme und Ausstellungspläne regelt die Bibliothek.
Quellen und weiterführende Literatur
- Bankier förderte Bibliothek. John Pierpont Morgan stiftete Geld und das Werk „The North American Indian“ (uni|in|form 1/2004) · Georg-August-Universität Göttingen
- John Pierpont Morgan (1837 to 1913) · Georg-August-Universität Göttingen
- Edward S. Curtis · Wikipedia
- The North American Indian / Edward S. Curtis · Wikipedia
