Zwei Wochen im Herbst 2003 lang standen in der Göttinger Paulinerkirche zwei Bücher im Mittelpunkt, zwischen denen fast acht Jahrzehnte und ein ganzer Kontinent liegen: der koreanische Jikji, gedruckt im Juli 1377, und die 42-zeilige Bibel aus der Mainzer Werkstatt Johannes Gutenbergs. Der Rahmen hieß „Korea-Germany Early Printing Culture“. Hinter dem etwas sperrigen englischen Titel verbarg sich ein Projekt mit zwei Teilen, einem wissenschaftlichen Seminar am 22. und 23. September 2003 und einer Ausstellung vom 22. September bis 5. Oktober 2003.
Getragen wurde es von drei Partnern: der Universität Göttingen, der Stadtverwaltung von Cheongju und der Koreanischen Nationalkommission für UNESCO (KNCU). Die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek richtete die Ausstellung aus, die Deutsche UNESCO-Kommission war beteiligt. Wer die Verbindung zwischen diesen Institutionen verstehen will, muss zwei Jahre zurückgehen.
Die Vorgeschichte: Cheongju 2001 und das Register „Memory of the World“
UNESCO hatte 1992 das Programm „Memory of the World“ gestartet, um Dokumente von weltweiter Bedeutung zu schützen und bekannter zu machen. Über Neuaufnahmen in das Register berät ein Internationales Beratungskomitee. Seine fünfte Sitzung fand vom 27. bis 29. Juni 2001 ausgerechnet in Cheongju statt, der Stadt, in deren Umgebung der Jikji entstanden war. Im selben Jahr wurden sowohl der zweite Band des Jikji als auch die Göttinger Gutenberg-Bibel in das Register aufgenommen.

Das Projekt von 2003 verstand sich ausdrücklich als Fortsetzung dieser Sitzung. Die beiden gemeinsam eingetragenen Dokumente sollten zusammen gezeigt und wissenschaftlich in Beziehung gesetzt werden; zugleich sollte die deutsch-koreanische Zusammenarbeit im Umgang mit Dokumentenerbe einen Anstoß bekommen. Die Deutsche UNESCO-Kommission hat die Logik des Registers später so beschrieben, dass es nicht die „Ersterfindung“ zum Maßstab macht, sondern Innovationen in ihrem kulturgeschichtlichen Zusammenhang würdigt. Genau dieser Gedanke prägte auch das Göttinger Programm: kein Wettrennen um den ersten Buchdruck, sondern zwei Wege zum selben technischen Prinzip.
Cheongju hat diese Rolle seither weiter ausgebaut. Das Early Printing Museum der Stadt, 1992 eröffnet, stellt den Jikji seit 2000 in den Mittelpunkt, und 2004 richtete UNESCO mit koreanischer Finanzierung den UNESCO/Jikji Memory of the World Prize ein, der Einrichtungen und Personen für den Erhalt von Dokumentenerbe auszeichnet.
Zwei Bücher, zwei Geschichten
Der Jikji aus dem Tempel Heungdeoksa
Der volle Titel lautet „Baegun hwasang chorok buljo jikji simche yojeol“, in deutscher Annäherung eine Anthologie der Zen-Lehren großer buddhistischer Meister, zusammengestellt vom Mönch Baegun, der 1374 starb. Gedruckt wurde das Werk im Juli 1377 im Tempel Heungdeoksa bei Cheongju, und zwar mit beweglichen Lettern aus Metall. Das macht den Jikji zum ältesten erhaltenen Buch dieser Technik. Überliefert ist auch, wer half: Die Nonne Myodeok unterstützte den Druck mit einer Spende.

Von den ursprünglich zwei Bänden ist nur der zweite überliefert. Er liegt nicht in Korea, sondern in Paris. Der französische Diplomat Victor Collin de Plancy erwarb ihn während seiner Dienstzeit in Seoul, der Sammler Henri Vever kaufte ihn 1911 und vermachte ihn der Bibliothèque nationale de France. Weltweit bekannt wurde der Band erst, als er 1972 im Internationalen Jahr des Buches in Paris ausgestellt wurde; die Bibliothekarin Park Byeong-seon hatte ihn in den Beständen identifiziert.
Für die Göttinger Ausstellung 2003 bedeutet das eine Einschränkung, die man kennen sollte. Die koreanische Abteilung stammte aus der Sammlung des Early Printing Museum in Cheongju, und deren Exponatliste weist zahlreiche Stücke ausdrücklich als Repliken aus. Den Pariser Originalband präsentiert sie nicht als Leihgabe. Wer 2003 durch die Paulinerkirche ging, sah den Jikji also im Kontext seiner Herstellung, nicht das Pariser Unikat.
Die Göttinger Gutenberg-Bibel
Auf der anderen Seite stand ein Original, und zwar eines der bedeutendsten. Gutenbergs Bibel entstand in Mainz zwischen etwa 1452 und 1454 in einer Auflage von schätzungsweise 180 Exemplaren auf Papier und Pergament. Heute sind 49 vollständige und unvollständige Exemplare bekannt. Das Göttinger gehört zu den vier vollständig erhaltenen Pergamentexemplaren, mit allen 1.282 Seiten in zwei Bänden; die anderen drei besitzen die British Library in London, die Bibliothèque nationale de France in Paris und die Library of Congress in Washington. In Deutschland ist es das einzige seiner Art.
Der Name „42-zeilige Bibel“ beschreibt den Satz: zwei Spalten mit je 42 Zeilen in einer gotischen Textura, für die nach heutiger Zählung 290 verschiedene Typen gegossen wurden, Großbuchstaben, Kleinbuchstaben, Abkürzungen und Ligaturen eingeschlossen.
Schon beim Aufschlagen fällt die Ausmalung auf. Am Beginn beider Bände ranken sich Initialen und Blattwerk in Akanthus-, Farn- und Dornblattformen über die Seite, farbig und dicht, ganz anders als die nüchterne Textura daneben. Diese Ausstattung wurde nicht in Gutenbergs Werkstatt angebracht, sondern von einem Buchmaler nach dem Druck, und für jedes Exemplar anders.
Was Göttingen von den anderen Standorten unterscheidet, ist der Zusammenhang. Die SUB besitzt zusätzlich das Göttinger Musterbuch, eine Pergamenthandschrift um 1450 mit Anleitungen für Rankenwerk, Initialen und Musterhintergründe, deren Motive sich in der Ausmalung genau dieser Bibel wiederfinden. Und sie besitzt das Helmaspergersche Notariatsinstrument vom 6. November 1455, das einzige zeitgenössische Dokument zu Gutenbergs Rechtsstreit mit seinem Geldgeber Johannes Fust. Bibel, Vorlage für die Ausmalung und Prozessakte an einem Ort: Darauf gründete die Bibliothek ihren Anspruch, ein besonderes Exemplar zu besitzen.
Die Herkunft des Göttinger Exemplars lässt sich weit zurückverfolgen. Nach der Provenienzangabe der SUB gehörte es zunächst einem Kloster in Niedersachsen, kam im 16. Jahrhundert an einen Braunschweiger Herzog und von dort nach Wolfenbüttel. Mit der alten Wolfenbütteler Bibliothek ging es an die Universität Helmstedt, und als diese 1812 aufgelöst wurde, gelangte die Bibel nach Göttingen.
Das Seminar am 22. und 23. September 2003
Das internationale Seminar „Early Printing Culture in Korea and Germany: Jikji and the Gutenberg Bible“ begann am Morgen des 22. September in der Paulinerkirche. Elmar Mittler, Direktor der SUB, eröffnete; Grußworte sprachen Kim Yersu als Generalsekretär der KNCU, Matthias Schumann als Vizepräsident der Universität Göttingen und Han Daesoo, der Bürgermeister von Cheongju. Den Eröffnungsvortrag hielt Stephan Füssel vom Mainzer Institut für Buchwissenschaft.
Die Fachsitzungen fanden im Heyne-Haus statt, gleich nebenan am Papendiek 16. Das Programm war in drei Themen gegliedert und paarweise besetzt, jeweils mit einer koreanischen und einer Göttinger Stimme:
- Ursprung und Entwicklung der Metalltypographie: Park Seongrae (Hankuk University of Foreign Studies) und Helmut Rohlfing (SUB Göttingen)
- Frühe Druckkultur in Korea und Deutschland am Beispiel von Jikji und Gutenberg-Bibel: Park Moonyear (Cheongju University) und Albrecht Hausmann (Universität Göttingen)
- Technische Aspekte des frühen Drucks: Lee Gwiwon (National Library) und Hiu Lie (SUB Göttingen)
Am zweiten Tag endete das Seminar mittags mit einer Schlussdiskussion. Dass die Kaffeepause am Nachmittag des ersten Tages im gedruckten Zeitplan als „Korean Coffee Break“ firmierte, ist eine Kleinigkeit, sagt aber etwas über den Ton des Treffens: Es war als Begegnung angelegt, nicht nur als Fachkonferenz.
Die Ausstellung in der Paulinerkirche
Am Abend des 22. September, gegen 17.45 Uhr, wurde die Ausstellung im Historischen Saal eröffnet. Verena Metze-Mangold, Vizepräsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, sprach ein Grußwort, Stephan Füssel führte erneut in das Thema ein. Bis zum 5. Oktober blieb die Schau geöffnet.
Die Göttinger Abteilung
Die SUB zeigte ihre Stücke in Vitrinen, die einen Weg von Gutenberg zur Ausbreitung des Buchdrucks in Europa nachzeichneten. Der Einführungstext zu Gutenberg selbst fiel bemerkenswert vorsichtig aus, und das zu Recht. Über sein Leben ist wenig gesichert. Er stammte aus einer Mainzer Patrizierfamilie, lernte vermutlich das Goldschmiedehandwerk und experimentierte während eines mehrjährigen Aufenthalts in Straßburg mit Drucktechniken, bevor er in Mainz ernsthaft zu drucken begann. Als seine eigentliche Leistung gilt das Handgießinstrument, mit dem sich Lettern in beliebiger Zahl und gleichbleibender Form gießen ließen. Der Streit mit Johannes Fust kostete ihn nach heutigem Kenntnisstand wohl seine Werkstatt; erst als der Mainzer Erzbischof ihn in den Stand eines Hofmanns erhob, war sein Auskommen für die letzten Lebensjahre gesichert.
Am Anfang standen die beiden Bände der Bibel, daneben das Musterbuch und das Notariatsinstrument. Dazu kam ein in Mainz gedruckter Ablassbrief von 1455 zugunsten der Kirche auf Zypern, ein Beispiel für die kleinen Auftragsdrucke, mit denen Gutenbergs Werkstatt Geld verdiente.
Das Notariatsinstrument zeigt, wie eng Technik und Finanzierung zusammenhingen. Der Mainzer Notar Ulrich Helmasperger hielt darin fest, dass Fust die Rückzahlung der geliehenen Summen samt Zinsen verlangte, und protokollierte den Stand des Verfahrens. Mehr Zeitgenössisches über das „Werk der Bücher“, wie das Unternehmen dort heißt, gibt es nicht. Ein Wandtext zur Ausbreitung der Kunst erklärte anschließend, wie schnell die Technik Mainz verließ: Um 1460 entstand in Bamberg eine 36-zeilige Bibel, in Straßburg druckte Johannes Mentelin die dritte lateinische Bibelausgabe, Köln stieg nach der Zahl der Drucke rasch zum wichtigsten deutschen Druckort auf, und im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts überholten Augsburg und Nürnberg die Produktion von Mainz und Bamberg.
Die folgenden Vitrinen führten über Mainz hinaus. Zu sehen war die 48-zeilige Bibel von Johannes Fust und Peter Schöffer aus dem Jahr 1462, in der Schöffer den Rot-Schwarz-Druck weiterentwickelte und die das Druckerzeichen der beiden Partner trägt, ein doppelter Schild an einem knorrigen Ast. Bernhard von Breidenbachs Bericht über seine Pilgerreise ins Heilige Land, 1486 in Mainz von Erhard Reuwich gedruckt, stand für die frühe Buchillustration. Erhard Ratdolts Euklid-Ausgabe, Venedig 1482, gilt als erstes gedrucktes Buch mit geometrischen Figuren. Werner Rolewincks „Fasciculus temporum“ in der niederländischen Ausgabe Johann Veldeners von 1480 zeigte den Druck in Utrecht, Richard Pynsons englischer Boccaccio von 1494 den in London. Den Schluss bildete eine Ausgabe des ersten Teils von Luthers Altem Testament, Wittenberg 1524, bei Christian Döring und Lucas Cranach dem Älteren.
Die koreanische Abteilung
Die Leihgaben aus Cheongju waren in elf Abschnitte gegliedert, von den Anfängen der Schriftkultur auf der koreanischen Halbinsel bis zum Druck der Joseon-Zeit. Wandtexte in Koreanisch, Englisch und Deutsch, 15 Fototafeln, drei Dioramen und 29 Objekte erklärten den Weg. Am Anfang stand eine Replik des Dharani-Sutras, des ältesten erhaltenen Druckwerks Koreas, zusammen mit einem Druckstock. Für den Holztafeldruck der Goryeo-Zeit standen ein Druck und ein Druckstock der Tripitaka Koreana.
Der Abschnitt zum Jikji selbst zeigte eine Bronzetrommel aus dem Tempel Heungdeoksa, eine Satzform mit Metalllettern und eine rekonstruierte zweibändige Buchausgabe, ergänzt durch ein Diorama der Druckwerkstatt. Danach ging es weiter in die Joseon-Zeit: Gießen von Schrifttypen in königlichen Werkstätten, Druck in der Hangeul-Schrift nach der Einführung des Alphabets unter König Sejong, mit einer Replik des „Hunminjeongeum“, sowie Holzlettern samt Werkzeug.
Was von dem Projekt bleibt
Ein Ergebnis von 2003 lässt sich leicht übersehen. Die Ausstellung hat die Frage „Wer war zuerst?“ nicht beantwortet, sondern verschoben. Wer vor den koreanischen Repliken und den Göttinger Originalen stand, sah zwei Druckkulturen, die unabhängig voneinander mit gegossenen Metalllettern arbeiteten, unter völlig verschiedenen Bedingungen: ein buddhistischer Tempel mit Spenderin hier, ein Mainzer Unternehmer mit Kreditgeber und Gerichtsakte dort. Wie sich die Verfahren im Einzelnen unterscheiden, vom Gießverfahren bis zu Papier und Tinte, behandelt der Beitrag zum frühen Buchdruck in Ostasien und Europa im Vergleich.
Auch für die Paulinerkirche war das Projekt ein Höhepunkt eines dichten Jahres. Wenige Monate zuvor hatte die SUB dieselbe Bibel bereits in der Schau „Heilige Schriften“ gezeigt; die Chronik der Ausstellungen in der Paulinerkirche ordnet beide Ereignisse ein. 2018 holte die Bibliothek Bibel, Musterbuch, Ablassbriefe und Notariatsinstrument zum 550. Todestag Gutenbergs noch einmal gemeinsam in den Saal, diesmal ohne koreanischen Partner.
Und wer verstehen möchte, warum ausgerechnet ein früherer Dominikanerbau am Papendiek solche Stücke beherbergt, findet die Antwort in der Geschichte der Paulinerkirche und ihrer Bibliothek. Die Gutenberg-Bibel selbst lässt sich übrigens ohne Reise ansehen: Das Göttinger Exemplar ist vollständig digitalisiert, alle 1.282 Seiten. Nur das Pariser Gegenstück aus Cheongju bleibt für die meisten ein Name in einem Register.
Häufige Fragen
Was war das Projekt „Korea-Germany Early Printing Culture“?
Ein gemeinsames Vorhaben der Universität Göttingen, der Stadt Cheongju und der Koreanischen Nationalkommission für UNESCO aus dem Jahr 2003. Es bestand aus einem internationalen Seminar am 22. und 23. September und einer Ausstellung vom 22. September bis 5. Oktober in der Paulinerkirche. Anlass war die Aufnahme des Jikji und der Göttinger Gutenberg-Bibel in das UNESCO-Register „Memory of the World“ im Jahr 2001.
Wo befindet sich der Jikji heute?
Erhalten ist nur der zweite Band der im Juli 1377 gedruckten Ausgabe. Er gehört zur Bibliothèque nationale de France in Paris. Der französische Diplomat Victor Collin de Plancy hatte ihn während seiner Zeit in Seoul erworben; über den Sammler Henri Vever, der ihn 1911 kaufte, kam er testamentarisch an die Nationalbibliothek. Der erste Band gilt als verloren.
Warum besitzt Göttingen eine Gutenberg-Bibel?
Das Göttinger Exemplar stammt nach der Provenienzangabe der SUB aus einem niedersächsischen Kloster, war im 16. Jahrhundert im Besitz eines Braunschweiger Herzogs und kam später nach Wolfenbüttel. Mit der alten Wolfenbütteler Bibliothek gelangte es an die Universität Helmstedt und nach deren Auflösung 1812 nach Göttingen, wo es seitdem aufbewahrt wird.
Ist der Jikji älter als die Gutenberg-Bibel?
Ja. Der Jikji wurde im Juli 1377 im Tempel Heungdeoksa bei Cheongju mit beweglichen Metalllettern gedruckt, die Gutenberg-Bibel entstand in Mainz zwischen etwa 1452 und 1454. Der Abstand beträgt also rund acht Jahrzehnte. Das UNESCO-Register stellt beide nicht als Konkurrenten um eine Erstentdeckung nebeneinander, sondern als Innovationen in ihrem jeweiligen kulturellen Zusammenhang.
Kann man die Göttinger Gutenberg-Bibel online ansehen?
Ja. Die SUB Göttingen hat ihr Pergamentexemplar vollständig digitalisiert. Alle 1.282 Seiten sind über das Angebot Gutenberg Digital der Bibliothek zugänglich, ergänzt um Informationen zu Entstehung und Ausstattung des Exemplars. Das Original wird nur zu besonderen Anlässen gezeigt, zuletzt etwa 2018 in der Kabinettausstellung „Gutenberg in Göttingen“.
Quellen und weiterführende Literatur
- Gutenberg-Bibel – Weltdokumentenerbe in Deutschland · Deutsche UNESCO-Kommission
- Jikji · Wikipedia
- Jikji · Wikipedia
- Memory of the World Programme · Wikipedia
- Gutenberg-Bibel · Wikipedia
- Weltdokumentenerbe in Deutschland · Wikivoyage
