Wer am westlichen Rand der Göttinger Altstadt durch den Papendiek geht, sieht von der Paulinerkirche Göttingen zunächst nur eine hohe, ruhige Wand mit gotischen Fenstern. Hinter dieser Fassade steckt einer der geschichtsreichsten Räume Niedersachsens. Hier predigten Dominikaner, hier fand 1529 der erste reguläre evangelische Gottesdienst der Stadt statt, hier wurde 1737 die Universität eröffnet, und später standen hier die Geschichtsbücher einer Bibliothek, die als erste moderne Universalbibliothek von europäischem Rang gilt. Die Adresse Papendiek 14 Göttingen gehört heute zum Historischen Gebäude der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek, kurz SUB, die den Saal im Obergeschoss für Ausstellungen und Vorträge nutzt.
Dieser Leitfaden widmet sich dem Bau und seinem Umfeld: der Geschichte vom Kloster bis zum Ausstellungssaal, den Ausstellungen, die hier gezeigt wurden, den übrigen Kirchen der Altstadt, Bibliotheken in Deutschland und Europa und den Sehenswürdigkeiten, die sich mit einem Besuch verbinden lassen.
Ein Bau mit vielen Leben: die Paulinerkirche Göttingen im Überblick
Im Jahr 1294 erhielten die Dominikaner die Erlaubnis, sich in Göttingen niederzulassen. Sie begannen im westlichen Teil der Altstadt, nahe dem Leinekanal, mit dem Bau ihres Klosters. Zehn Jahre später, 1304, war die Kirche fertig: eine dreischiffige Hallenkirche mit Kreuzgewölben, die älteste der gotischen Hallenkirchen in der Göttinger Altstadt. Geweiht wurde sie erst 1331, und zwar den Aposteln Petrus und Paulus. Von diesem Patrozinium hat die Paulinerkirche ihren Namen, den sie bis heute trägt, obwohl in ihr seit mehr als zweihundert Jahren keine Messe mehr gefeiert wird.
Die Architektur folgte den Gewohnheiten der Bettelorden, die schlichte, weite Predigträume bevorzugten. Der Innenraum ist 52 Meter lang. Wie hoch und licht er ursprünglich wirkte, lässt sich heute nur noch erahnen, denn ein Umbau zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat das Raumgefüge grundlegend verändert. Davon erzählt der Abschnitt über den Bibliothekssaal weiter unten.
Bemerkenswert ist, wie oft der Bau seine Rolle gewechselt hat, ohne seinen Ort zu verlassen. Klosterkirche, Pilgerstätte, Predigtkirche der Reformation, Schule, Festsaal einer jungen Universität, Büchersaal, Hörsaal, Katalograum, Ausstellungsraum: Kaum ein anderes Gebäude in der Stadt hat so viele Nutzungen hintereinander erlebt. Wer verstehen will, warum Göttingen eine Universitätsstadt wurde, kommt an diesem Raum nicht vorbei.
Geschichte in groben Zügen: vom Kloster zur Universität
Ab 1341 machten Reliquien des Thomas von Aquin und ein versilbertes Bildnis des Heiligen die Kirche für kurze Zeit zum Ziel von Wallfahrten. Ein sichtbares Zeugnis spätmittelalterlicher Frömmigkeit war der Hochaltar mit 41 Tafeln zur Passion Christi. Eine Inschrift von 1499 nennt den Prior Johann Piper als Stifter und Hans Raphon als Maler. Nach der Auflösung des Klosters gelangte der Altar zunächst nach Walkenried; in der Mitte des 19. Jahrhunderts tauchte er in Prag wieder auf, wo er in der Nationalgalerie wiederentdeckt wurde.
Den tiefsten Einschnitt brachte die Reformation. Göttingen schloss sich ihr 1529 an, zwölf Jahre nach Luthers Thesen. Da die Pfarrkirchen unter herzoglichem Patronat standen und der Herzog die evangelische Predigt dort nicht dulden wollte, wich der Rat auf die Kirchen der Bettelorden aus. Die Dominikanerkirche war die größte von ihnen. Am 24. Oktober 1529 hielt der Prediger Friedrich Hüventhal hier, gegen den ausdrücklichen Willen der Mönche, den ersten regulären evangelischen Gottesdienst der Stadt. Auch die ersten evangelischen Taufen Göttingens fanden in diesem Raum statt.
Das Kloster wurde wenig später aufgelöst. In seinen Gebäuden richtete die Stadt im 16. Jahrhundert ein Pädagogium ein, ein städtisches Gymnasium, das zur baulichen Keimzelle der späteren Universität werden sollte. Als die kurhannoversche Landesregierung in den 1730er-Jahren eine Hochschule gründete und sie nach Georg II. August benannte, nutzte man das alte Klostergelände. Von 1734 bis 1737 entstand dort das Kollegiengebäude. Am 17. September 1737 wurde die Georg-August-Universität in der Paulinerkirche feierlich eingeweiht, im Beisein des Kurators Gerlach Adolph von Münchhausen, der die Gründung politisch vorangetrieben hatte. Ausführlich erzählt die Seite zur Geschichte der Paulinerkirche von den Dominikanern bis zum Wiederaufbau diese Entwicklung.
Vom Gotteshaus zum Bibliothekssaal
Bis 1803 diente die Kirche als Ort der akademischen Gottesdienste. Danach brauchte die rasch wachsende Universitätsbibliothek Platz. Die Orgel und der Dachreiter wurden entfernt, die Orgel kam nach Wittingen. Zwischen 1808 und 1812, in der Zeit des Königreichs Westphalen unter Jérôme Bonaparte, folgte der große Umbau nach Plänen von Friedrich Weinbrenner und Justus Heinrich Müller. Die unteren Fenster verschwanden, eine Zwischendecke teilte den Raum, und der obere Teil wurde zum Bibliothekssaal. Weil dort die geschichtlichen Bestände standen, sprach man vom „Historischen Saal“.
Am 24. November 1944 traf ein Luftangriff die Paulinerkirche schwer. Die Göttinger Altstadt kam insgesamt glimpflich davon, gerade dieses Gebäude aber nicht. Nach dem Krieg wurde es in etwas vereinfachter Form wieder aufgebaut. Der obere Saal diente zunächst als Hörsaal und später dem Niedersächsischen Zentralkatalog.
Ausstellungen im Historischen Saal
Mit dem Umzug der Zentralbibliothek in den Neubau am Platz der Göttinger Sieben im Jahr 1992 änderte sich die Aufgabe des Historischen Gebäudes. Es wurde zum Ort der historischen Forschung, und nach einer Sanierung in den Jahren um die Jahrtausendwende sind dort die Spezialsammlungen der Bibliothek zusammengeführt. Der Saal in der oberen Hälfte der früheren Kirche wurde nach historischen Ansichten wiederhergestellt. Heute stehen dort Bücher aus der Bibliothek des 18. Jahrhunderts, dazu Abgüsse aus der Sammlung des Archäologischen Instituts der Universität.
Seither ist die Paulinerkirche Göttingen vor allem für ihre Ausstellungen bekannt. Im Jahr 2002 zeigte die Bibliothek hier „Göttinger Nobelpreiswunder“, eine Schau über die Nobelpreisträger, die mit Göttingen verbunden sind. Im Herbst 2003, vom 22. September bis 5. Oktober, standen zwei frühe Druckwerke aus Ost und West nebeneinander im Mittelpunkt: der koreanische Jikji und die Göttinger Gutenberg-Bibel. Die Seite zu Jikji und Gutenberg in der Paulinerkirche zeichnet dieses Projekt nach. Unter dem Titel „DingeDenkenLichtenberg“ widmete sich 2017 eine Ausstellung dem Physiker und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg, und vom 20. Juli bis 7. Oktober 2018 zeigte die Kabinettausstellung „Gutenberg in Göttingen“ Originale aus der Zeit des frühen Buchdrucks aus dem Besitz der Bibliothek.
Die Gutenberg-Bibel ist dabei mehr als ein Ausstellungsstück unter vielen. Das Göttinger Exemplar ist ein Pergamentdruck aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, und weltweit sind nur vier vollständige Exemplare dieser Art erhalten. Seit 2001 steht es im Register „Memory of the World“ der UNESCO. Wer es nicht im Original sehen kann, findet es vollständig digitalisiert im Göttinger Digitalisierungszentrum.
Die Ausstellungen der Paulinerkirche sind Vergangenheit, kein laufendes Programm. Eine nach Jahren geordnete Chronik der Ausstellungen in der Paulinerkirche stellt die belegten Schauen zusammen, von den Bibelhandschriften bis zu den Arbeiten über Tobias Mayer und die Göttinger Astronomie. Was aktuell gezeigt wird, veröffentlicht die Bibliothek selbst.
Besuch der Paulinerkirche: Lage und praktische Orientierung
Für einen Besuch ist die Lage ausgesprochen günstig. Wer in die Navigation „Papendiek 14 Göttingen“ eingibt, landet am Eingang des Kollegiengebäudes, das zwischen der Kirche und dem Gebäude an der Prinzenstraße liegt. Vom Bahnhof sind es nur wenige Minuten zu Fuß: über die Ampel an der Berliner Straße, dann geradeaus in die Goetheallee, nach rund 300 Metern rechts in den Papendiek, und nach etwa 100 weiteren Metern steht das Historische Gebäude auf der linken Seite. Direkt am Haus gibt es keine Parkplätze. Das Parkhaus an der Groner-Tor-Straße liegt am nächsten.
Eine ausführliche Anfahrtsbeschreibung zum Papendiek mit Bahn, Bus, Rad und Auto findet sich auf einer eigenen Seite. Öffnungszeiten, Eintrittsbedingungen oder Raumanfragen behandelt dieser Leitfaden bewusst nicht, weil sich solche Angaben ändern und nur die Bibliothek sie verbindlich machen kann. Die aktuellen Informationen stehen auf der Website der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen.
Wer vor dem Besuch etwas Zeit hat, kann den Rundgang erweitern. Die Paulinerkirche ist eine von sechs historischen Kirchen der Innenstadt; St. Johannis, St. Jacobi, St. Albani, St. Marien und St. Nikolai liegen alle in Gehweite. Die Seite über die Kirchen in der Göttinger Altstadt stellt sie einzeln vor. Ein Detail verbindet zwei davon: Nachdem die Paulinerkirche ihre Rolle als Universitätskirche verloren hatte, feierte die Universität ihre Gottesdienste zunächst als Gast in St. Johannis, bis 1822 St. Nikolai zur neuen Universitätskirche geweiht wurde.
Göttingen erleben
Die Paulinerkirche liegt nur wenige Schritte von dem entfernt, was Göttingen für die meisten Besucher ausmacht. Am Markt steht das Alte Rathaus, dessen ältester Kern nach dendrochronologischen Untersuchungen um 1270 entstand; bis 1978 saßen dort Rat und Verwaltung. Davor plätschert der Brunnen mit dem Gänseliesel aus dem Jahr 1901. Die Bronzefigur auf dem Brunnen ist seit 1990 eine Kopie, das Original bewahrt das Städtische Museum.
Dieses Museum ist selbst ein Ziel. Gegründet wurde es 1889 als städtische Altertümersammlung; seit dem 28. November 1897 hat es seinen Sitz im Hardenberger Hof am Ritterplan, einem Adelshof der Renaissance aus dem Jahr 1592. Rund 150.000 Objekte dokumentieren die Kulturgeschichte der Stadt, darunter eine Sammlung kirchlicher Kunst vom 12. bis zum 19. Jahrhundert. Bauschäden haben seit 2009 große Teile der Dauerausstellung lahmgelegt, sodass sich ein Blick auf den aktuellen Stand vor dem Besuch lohnt.
Ganz anders der Alte Botanische Garten an der Unteren Karspüle. Albrecht von Haller legte ihn 1736 als Heilpflanzengarten der jungen Universität an, direkt am Stadtwall. Heute gehören historische Gewächshäuser mit tropischen Pflanzen dazu. Die Universität beziffert ihre Sammlung auf rund 17.000 Pflanzenarten, nach Berlin-Dahlem die zweitgrößte in Deutschland. Am Ostrand der Altstadt, am Theaterplatz, steht das Deutsche Theater. Eröffnet wurde das Haus am 30. September 1890 als Stadttheater; unter dem Intendanten Heinz Hilpert, der ab 1950 die Leitung übernahm, wurde es zu einer der wichtigsten Sprechbühnen der jungen Bundesrepublik.
Abseits der Altstadt hat die Stadt eine ganz andere Seite. Im Westen Göttingens, im Einkaufszentrum Kauf Park im Stadtteil Grone, liegt die Spielbank Göttingen, ein reines Automatencasino, das Gäste erst ab 21 Jahren und mit gültigem Ausweis einlässt. Wer dagegen bei den alten Steinen bleiben möchte, findet im Überblick über die Sehenswürdigkeiten in Göttingen weitere Ziele zwischen Wallanlage, Markt und Universitätsvierteln.
Warum gerade dieser Raum
Man kann die Paulinerkirche als bloßen Ausstellungssaal wahrnehmen, als hübsche Kulisse für Vitrinen. Das wäre zu wenig. In der Paulinerkirche Göttinger Geschichte an einem einzigen Ort ablesen zu können, ist ein seltener Glücksfall: Mönche des Mittelalters, Reformatoren, Gymnasiasten, Professoren der Aufklärung, Bibliothekare wie Johann Matthias Gesner und Christian Gottlob Heyne, später Studierende im Hörsaal und Forschende vor dem Zentralkatalog haben diesen Raum genutzt. Von 12.000 Bänden bei der Gründung wuchs die Bibliothek bis 1800 auf rund 150.000, und der Kirchenraum wurde gebraucht, weil kein anderer Platz mehr reichte.
Für den Besuch ergibt sich daraus eine einfache Empfehlung: Wer eine Ausstellung in der Paulinerkirche Göttingen besucht, sollte den Blick auch einmal von den Vitrinen lösen und nach oben richten. Die Proportionen des Saals, die eingezogene Ebene und die hohen Fenster verraten mehr über Göttingens Weg von der Hansestadt zur Universitätsstadt als jede Beschriftungstafel. Und wer danach über den Papendiek zum Leinekanal hinuntergeht, steht ungefähr dort, wo die Dominikaner im Jahr 1294 ihr Kloster zu bauen begannen.
Ein letztes Detail für Neugierige: Südlich der Kirche lag einst der Paulinerkirchhof, der im 17. Jahrhundert geschlossen wurde. 2019 untersuchten Archäologen das Gelände, und seit 2020 befinden sich dort ein Parkplatz und ein Kinderspielplatz. So steckt selbst im unscheinbarsten Winkel rund um Papendiek 14 Göttingen noch ein Stück Klostergeschichte.
Häufige Fragen
Wo liegt die Paulinerkirche Göttingen?
Die Kirche gehört zum Historischen Gebäude der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek im Westen der Göttinger Altstadt, nahe dem Leinekanal. Die Postanschrift lautet Papendiek 14, 37073 Göttingen. Vom Bahnhof aus ist das Gebäude in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar: über die Goetheallee stadteinwärts, dann rechts in den Papendiek. Ein eigener Parkplatz am Haus existiert nicht; das nächste Parkhaus liegt an der Groner-Tor-Straße.
Woher hat die Paulinerkirche ihren Namen?
Die Dominikaner vollendeten ihre Klosterkirche 1304, geweiht wurde sie 1331 den Aposteln Petrus und Paulus. Aus dem Patrozinium des Paulus leitet sich der Name Paulinerkirche ab. Die Bezeichnung hielt sich über alle späteren Nutzungen hinweg, obwohl der Raum seit dem frühen 19. Jahrhundert keine Kirche im liturgischen Sinn mehr ist, sondern Bibliotheks-, Hör- und Ausstellungssaal.
Kann man die Paulinerkirche Göttingen besichtigen?
Der Saal im Obergeschoss wird von der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek für Ausstellungen, Vorträge und Veranstaltungen genutzt und ist zu diesen Anlässen öffentlich zugänglich. Ob und wann gerade eine Ausstellung läuft, ändert sich laufend. Verlässliche, aktuelle Angaben zu Zugang und Terminen veröffentlicht ausschließlich die Bibliothek selbst auf ihrer Website.
Was geschah 1529 in der Paulinerkirche?
Göttingen schloss sich 1529 der Reformation an. Weil der Rat über die Pfarrkirchen nicht verfügen konnte, wich man in die Kirchen der Bettelorden aus, und die Dominikanerkirche war die größte davon. Am 24. Oktober 1529 hielt Friedrich Hüventhal dort gegen den Willen der Mönche den ersten regulären evangelischen Gottesdienst; auch die ersten evangelischen Taufen der Stadt fanden hier statt.
Welche Ausstellungen waren in der Paulinerkirche zu sehen?
Seit die Bibliothek 1992 ihren Neubau bezog, dient der Saal als Ausstellungsraum. Belegt sind unter anderem „Göttinger Nobelpreiswunder“ (2002), die Präsentation von Jikji und Gutenberg-Bibel im Herbst 2003, „DingeDenkenLichtenberg“ (2017) und die Kabinettausstellung „Gutenberg in Göttingen“ vom 20. Juli bis 7. Oktober 2018. Eine ausführliche Chronik der historischen Ausstellungen bietet die Ausstellungsseite dieses Leitfadens.
Quellen und weiterführende Literatur
- Paulinerkirche (Göttingen) · Wikipedia
- History – SUB at a glance · Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
- Einladung zur Eröffnung der Kabinettausstellung „Gutenberg in Göttingen“ · Georg-August-Universität Göttingen
- Early Printed Books · Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
- Alter Botanischer Garten · Georg-August-Universität Göttingen
- Deutsches Theater Göttingen · Wikipedia
- Städtisches Museum Göttingen · Wikipedia
- Altes Rathaus (Göttingen) · Wikipedia
- Gänseliesel · Wikipedia
- Göttingen · Wikipedia


























