Im Juli 1377 druckten Mönche in einem Tempel in Cheongju, im Zentrum des heutigen Südkorea, eine buddhistische Textsammlung mit Lettern aus Metall. Knapp acht Jahrzehnte später, um 1454/55, verließen in Mainz die ersten vollständigen Bibeln eine Werkstatt, die ebenfalls mit gegossenen Metalllettern arbeitete. Beide Drucke stehen seit 2001 im Register „Memory of the World“ der UNESCO. Aufgenommen wurden sie im selben Jahr. Die Frage, wer „zuerst“ war, ist damit schnell beantwortet; interessanter ist, wie verschieden die beiden Wege zum gedruckten Buch waren.
Bevor es Lettern gab: der Holzschnitt
Der Druck begann in Ostasien nicht mit der beweglichen Letter, sondern mit dem ganzen Block. Ein Schnitzer übertrug eine Seite spiegelverkehrt auf ein Brett, schnitt alles Übrige weg, färbte das erhabene Schriftbild ein und legte Papier darauf. Ein Dharani-Druck auf Hanfpapier, 1974 in Xi’an gefunden, wird auf die Jahre um 650 bis 670 datiert. Das Diamant-Sutra aus den Höhlen von Dunhuang trägt ein Kolophon mit dem 11. Mai 868.
Leistungsfähig war das Verfahren durchaus. Nach den Angaben, die die englischsprachige Wikipedia zusammenträgt, schaffte ein geübter Drucker 1.500 bis 2.000 Doppelblätter am Tag, und ein einzelner Stock hielt 15.000 Abzüge aus, nach Ausbesserung weitere 10.000. Gedruckt wurde auf dünnem, leicht gewachstem Papier und nur auf einer Seite. Die Farbe bestand typischerweise aus Kiefernruß, gebunden mit Leim.
Ton, Holz und das Problem der Zeichenmenge
Die Idee, einzelne Zeichen zu fertigen und für jede Seite neu zusammenzusetzen, ist in China um 1040 belegt. Der Gelehrte Shen Kuo beschreibt in seinen „Pinselunterhaltungen am Traumbach“, wie ein Handwerker namens Bi Sheng Zeichen aus gebranntem Ton herstellte. Auch Holz hatte Bi Sheng versucht, verwarf es aber, weil die Maserung und das Quellen in der Farbe das Druckbild verdarben. 1298 berichtete Wang Zhen, er habe mehr als 30.000 Holzlettern schneiden lassen und damit hundert Exemplare einer Lokalchronik von über 60.000 Zeichen gedruckt.
Ganz verschwunden ist das Verfahren danach nicht. 1193 druckte Zhou Bida ein Buch mit Tonlettern, und 1322 ließ Ma Chengde für ein einziges Werk 100.000 Holztypen anfertigen. Solche Zahlen zeigen, mit welchem Aufwand man rechnen musste, sobald ein Text etwas länger wurde.
Hier liegt der Kern des Unterschieds zu Europa. Eine Schrift mit Tausenden verschiedener Zeichen verlangt Lettervorräte, die in die Hunderttausende gehen; für Metallsätze nennen Darstellungen 200.000 bis 400.000 Stück. Jeder Nachdruck bedeutete neuen Satz und neues Korrekturlesen, während ein Holzstock einfach im Lager wartete. Bronze zu gravieren war viel teurer als Holz zu schneiden, und kursive Schriften ließen sich mit dem Stock besser wiedergeben. Der bewegliche Satz war in Ostasien deshalb nie das selbstverständliche Verfahren, sondern eine Möglichkeit unter mehreren.
Korea: Metall im Dienst von Tempel und Staat
Korea ging früh den Schritt zum Metall. Für das Jahr 1234 ist der Druck der „Sangjeong Gogeum Yemun“, einer Sammlung von Ritualtexten, mit Metalllettern bezeugt. Kein Exemplar hat sich erhalten. Das älteste überlieferte Buch dieser Art ist deshalb das Jikji.

Das Jikji von 1377
Der Titel lautet vollständig „Baegun hwasang chorok buljo jikji simche yojeol“, sinngemäß eine Auswahl aus den Lehren bedeutender buddhistischer Zen-Priester. Zusammengestellt hat sie der Mönch Baegun, mit Mönchsnamen Gyeonghan, als Leitfaden für Schüler. Er starb 1374. Seine Schüler Seoksan und Daldam besorgten den Druck, unterstützt von der Nonne Myodeok. Das Nachwort hält fest, das Werk sei im dritten Regierungsjahr König Us, im Juli 1377, im Tempel Heungdeoksa in Cheongju mit Metalllettern gedruckt worden. Ein Jahr später, 1378, erschien im Tempel Chwiamsa eine vollständige zweibändige Ausgabe im Holzschnitt.
Wie die Lettern entstanden, beschreibt für die spätere Joseon-Zeit der Gelehrte Seong Hyeon (1439–1504). Man schnitt die Zeichen zunächst in Buchenholz, drückte die Holzmodelle in feuchten, sandhaltigen Lehm und goss die so entstandenen Formen mit geschmolzener Bronze aus. Die fertigen Typen wurden anschließend abgeschabt und gefeilt. Ein Matrizensystem, mit dem sich dieselbe Letter beliebig oft aus derselben Form gießen ließ, gab es dabei nicht. Gedruckt wurde von Hand: Das Papier wurde auf den eingefärbten Satz gelegt und von Hand abgerieben. Eine mechanische Presse kam in Korea erst in den Jahren 1881 bis 1883 an.
1403 ordnete König Taejong an, 100.000 Lettern und zwei vollständige Schriftsätze zu gießen. Das zeigt, wo in Korea der Druck mit Metall zu Hause war: bei Hof und in den Klöstern, nicht in einem Markt für Bücher. Die königliche Kontrolle über das Druckwesen ließ kommerziellen Druckereien wenig Raum. Im 15. Jahrhundert schuf Korea mit dem Hangeul ein Alphabet, das mit wenigen Zeichen auskommt und für den Satz entsprechend weniger Lettern braucht, eine Generation vor Gutenbergs Arbeiten in Mainz.
Mainz: Gießinstrument, Legierung, Presse, Farbe
Johannes Gutenberg wurde um 1400 in Mainz geboren; das Jahr ist eine Festlegung der Gutenberg-Gesellschaft, kein Dokument. Zwischen 1434 und 1444 ist er in Straßburg nachweisbar. In den Akten eines Prozesses um eine Teilhaberschaft mit Andreas Dritzehn ist von Bleieinkäufen und dem Bau einer Presse die Rede. Spätestens 1448 war er wieder in Mainz, und um 1450 begann er mit dem Druck.

Was er dort aufbaute, war weniger eine einzelne Erfindung als ein zusammenhängendes System. Mit einem Handgießinstrument goss er die Lettern einzeln in Matrizen aus Kupfer; jede Matrize ließ sich beliebig oft verwenden, sodass gleiche Buchstaben wirklich gleich ausfielen. Das Metall war eine Legierung aus Zinn, Blei und Antimon mit etwas Wismut. Sie schmolz bei viel niedrigerer Temperatur als Bronze, und das Antimon machte die Typen hart genug für den Druck. Die Presse leitete Gutenberg vermutlich von den Spindelpressen ab, die Winzer und Papiermacher kannten. Und weil die wasserbasierte Tusche auf Metall schlecht haftete, entwickelte er eine ölhaltige Farbe aus Leinölfirnis und Ruß. Analysen haben in dieser Farbe einen hohen Anteil an Metallen gefunden, vor allem Kupfer, Blei und Titan.
Die 42-zeilige Bibel
Das Hauptwerk dieser Werkstatt ist die Bibel, die nach der Zeilenzahl ihrer Spalten B42 genannt wird. Zwei Foliobände mit 648 und 634 Seiten, zusammen 1.282, gesetzt in einer Textura, für die rund 290 verschiedene Lettern nötig waren: Großbuchstaben, Kleinbuchstaben, Ligaturen und Abkürzungen. Ganz einheitlich ist das Buch nicht. Die ersten Seiten haben 40 Zeilen, eine Seite 41, erst danach setzt sich die Zahl 42 durch, weil man den Zeilenabstand verringerte und einige Seiten neu setzte. Das Papier im königlichen Format kam nach den Wasserzeichen wahrscheinlich aus Caselle im Piemont. Rubriken und Initialen wurden nach anfänglichen Versuchen nicht mehr gedruckt, sondern blieben der Hand des Rubrikators überlassen.
Für das gleichmäßige Satzbild griff die Werkstatt zu Kunstgriffen, die man erst auf den zweiten Blick bemerkt. Es gab schmalere Varianten einzelner Buchstaben, zusätzlichen Raum um Satzzeichen und unterschiedlich breite Wortabstände, damit beide Spalten einer Seite glatt abschließen. Gearbeitet wurde vermutlich an etwa sechs Seiten zugleich, das sind rund 15.600 Zeichen, die zur selben Zeit im Satz standen. Dass diese Technik schon vor der Bibel funktionierte, belegen kleinere Aufträge: Ein in Mainz gedruckter Ablassbrief trägt ein handschriftlich eingetragenes Datum vom 22. Oktober 1454.
Die Auflage lässt sich nur schätzen. Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., berichtete am 12. März 1455 in einem Brief von einem „erstaunlichen Mann“ in Frankfurt und von 158 oder 180 fertigen Exemplaren, die schon vor der Fertigstellung verkauft gewesen seien. Heute rechnet man mit 160 bis 185 Exemplaren, etwa drei Viertel auf Papier, der Rest auf Pergament.
Wirtschaftlich ging die Rechnung für Gutenberg nicht auf. Der Mainzer Johannes Fust hatte ihm um 1449 und 1452 je 800 Gulden geliehen und sich die Ausrüstung als Sicherheit geben lassen. Das sogenannte Helmaspergersche Notariatsinstrument vom 6. November 1455 dokumentiert den Streit, den Gutenberg verlor. Werkstatt und Bibelbestand gingen an Fust, der das Geschäft mit Gutenbergs früherem Mitarbeiter Peter Schöffer fortführte. Gutenberg starb vor dem 26. Februar 1468 in Mainz; das oft genannte Datum des 3. Februar geht auf eine Quelle zurück, die als wahrscheinlich gefälscht gilt.
Zwei Verfahren nebeneinander
Wer die beiden Wege vergleicht, sieht weniger einen Wettlauf als zwei Antworten auf unterschiedliche Fragen. In Korea ging es darum, eine begrenzte Zahl wichtiger Texte für Tempel und Hof zu vervielfältigen. In Mainz ging es darum, ein Buch in Auflage herzustellen und zu verkaufen.
Dazu kommt die Schrift selbst. Für die lateinische Bibel genügten rund 290 Lettern, um jede Seite zu setzen. Wang Zhen dagegen brauchte für eine einzige Lokalchronik mehr als 30.000 Holztypen, also mehr als hundertmal so viele verschiedene Stücke. Ein Gießinstrument mit wiederverwendbaren Matrizen lohnt sich vor allem dort, wo dieselben wenigen Formen tausendfach gebraucht werden. Gutenbergs System passte zum Alphabet, und das Alphabet passte zu Gutenbergs System.
| Merkmal | Jikji (Korea) | Gutenberg-Bibel (Mainz) |
|---|---|---|
| Datierung | Juli 1377 | um 1454/55 |
| Letternherstellung | Holzmodell, Sandform, Bronze | Handgießinstrument, Kupfermatrize |
| Druckvorgang | Abreiben von Hand | Spindelpresse |
| Erhaltene Originale | ein Band (Bd. II) | 49 Exemplare ganz oder in Teilen |
Die Tabelle verkürzt natürlich. Die Angaben zur koreanischen Gießtechnik stammen aus einer Beschreibung des 15. Jahrhunderts, nicht aus einem Werkstattbericht von 1377. Und auch Gutenbergs Verfahren kennt man vor allem aus Rückschlüssen, aus Prozessakten, Druckbild und Materialanalysen.
Was überlebt hat und wo es liegt
Vom Jikji in Metalllettern blieb nur der zweite Band. Der französische Diplomat Victor Collin de Plancy, von 1888 bis 1891 erster Konsul Frankreichs in Korea, erwarb ihn in Seoul und brachte ihn nach Frankreich. 1911 kaufte ihn der Juwelier und Büchersammler Henri Vever für 180 Francs, später ging er aus Vevers Nachlass an die französische Nationalbibliothek. Dort lag er weitgehend unbeachtet, bis die koreanische Bibliothekarin Park Byeong-seon ihn wiederentdeckte. Weltweit bekannt wurde das Buch 1972, als es in Paris in einer Ausstellung zum Internationalen Jahr des Buches gezeigt wurde. Heute gehört es zum Bestand der Abteilung für orientalische Handschriften der Bibliothèque nationale de France. In Cheongju erinnert seit 1992 ein Museum für frühen Buchdruck an den Tempel, in dem es entstand.
Von der Gutenberg-Bibel sind 49 Exemplare bekannt, viele davon unvollständig, manche nur ein Band. 13 liegen in Deutschland, darunter in Göttingen, Berlin, Fulda, Frankfurt, Mainz, München, Leipzig, Kassel, Aschaffenburg, Stuttgart, Trier und Schleswig. Das Göttinger Exemplar ist nach Angaben der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek eines von vier vollständig erhaltenen Pergamentexemplaren, die Bibliothek bezeichnet es als ihre wertvollste Inkunabel. Zu ihren Beständen gehört auch das handgeschriebene Göttinger Musterbuch, das als Vorlage für die Ausmalung genau dieses Bibelexemplars diente. Wie das historische Bibliotheksgebäude aussah, in dem solche Schätze lange aufbewahrt wurden, beschreibt die Seite über das Museum der alten Bibliothek; einen größeren Rahmen bietet die Übersicht der schönsten Bibliotheken.
Bibel und Musterbuch waren vom 20. Juli bis 7. Oktober 2018 in der Kabinettausstellung „Gutenberg in Göttingen“ in der Paulinerkirche zu sehen, zum 550. Todestag des Mainzers. Schon 2003 hatte dasselbe Gebäude eine Ausstellung zu Jikji und Gutenberg-Bibel beherbergt. Welche weiteren Themen hier gezeigt wurden, verzeichnet die Ausstellungschronik der Paulinerkirche.
Bleibt eine Pointe, die man leicht übersieht. Das einzige erhaltene Metalldruck-Exemplar des Jikji liegt nicht in Korea, sondern in Paris. Zugleich trägt seit 2004 ein Preis der UNESCO seinen Namen, der UNESCO/Jikji Memory of the World Prize. Er zeichnet Menschen und Einrichtungen aus, die sich um die Erhaltung und Zugänglichkeit von Dokumentenerbe verdient machen.
Häufige Fragen
Was ist das Jikji?
Jikji ist die Kurzform für „Baegun hwasang chorok buljo jikji simche yojeol“, eine Sammlung buddhistischer Zen-Lehren, die der Mönch Baegun zusammengestellt hat. Die Ausgabe vom Juli 1377 aus dem Tempel Heungdeoksa in Cheongju gilt als ältestes erhaltenes Buch, das mit beweglichen Metalllettern gedruckt wurde. Von den ursprünglich zwei Bänden ist nur der zweite erhalten.
Wo befindet sich das Original des Jikji heute?
Der erhaltene zweite Band liegt in der Abteilung für orientalische Handschriften der Bibliothèque nationale de France in Paris. Der französische Diplomat Victor Collin de Plancy hatte ihn in Seoul erworben, 1911 kaufte ihn der Sammler Henri Vever, der ihn testamentarisch der französischen Nationalbibliothek vermachte. Seit 2001 steht das Jikji im UNESCO-Register „Memory of the World“.
War Gutenberg der Erfinder des Buchdrucks?
Nein, nicht im weltweiten Sinn. Holzschnittdrucke gab es in China spätestens im 7. Jahrhundert, bewegliche Lettern aus Ton um 1040, und in Korea wurde schon 1234 mit Metalllettern gedruckt. Gutenbergs eigene Leistung war ein System aus Handgießinstrument, Bleilegierung, Druckpresse und ölhaltiger Farbe, das den Druck großer Auflagen in Europa wirtschaftlich machte.
Wie viele Gutenberg-Bibeln gibt es noch?
Bekannt sind 49 Exemplare, die ganz oder in wesentlichen Teilen erhalten sind, viele davon unvollständig. Gedruckt wurden um 1454/55 schätzungsweise 160 bis 185 Exemplare, etwa drei Viertel auf Papier, der Rest auf Pergament. In Deutschland liegen 13 Exemplare, unter anderem in Göttingen, Berlin, Fulda, Frankfurt, Mainz, München und Leipzig.
Warum setzte sich der Druck mit beweglichen Lettern in Ostasien weniger durch?
Für chinesische Texte braucht man Tausende verschiedener Zeichen, ein vollständiger Satz Metalllettern konnte Hunderttausende Stücke umfassen. Holzdruckstöcke ließen sich dagegen lagern und für Nachdrucke wiederverwenden. In Korea kam hinzu, dass der Staat das Drucken kontrollierte und kommerzielle Verlage kaum Raum hatten. Gedruckt wurde zudem von Hand durch Abreiben, ohne mechanische Presse.
Quellen und weiterführende Literatur
- Jikji · Wikipedia
- History of printing in East Asia · Wikipedia
- Movable type · Wikipedia
- Gutenberg-Bibel · Wikipedia
- Gutenberg Bible · Wikipedia
- Johannes Gutenberg · Wikipedia
- Inkunabeln · Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
- Presseinformation Nr. 160/2018: Gutenberg in Göttingen · Georg-August-Universität Göttingen
