Paulinerkirche Göttingen Papendiek 14 · Altstadt

Paulinerkirche Göttinger Geschichte: Dominikaner, Reformation und Universitätskirche

Paulinerkirche Göttinger Geschichte im Überblick: Dominikanerkloster 1294, Reformation 1529, Universitätskirche ab 1737, Bibliothekssaal ab 1812.

Paulinerkirche Göttinger Geschichte: Dominikaner, Reformation und Universitätskirche

Paulinerkirche · Geschichte seit 1294

Sieben Jahrhunderte, ein Ort: Wie kaum ein anderer Bau bündelt die Paulinerkirche Göttinger Geschichte vom späten Mittelalter bis in die Gegenwart. Gebaut wurde sie als Predigtkirche eines Bettelordens, im Jahr 1529 wurde sie zum Schauplatz der Reformation, 1737 zum Festsaal der neuen Universität und ab 1812 zum Büchersaal. Wer die Paulinerkirche Göttingen heute betritt, steht in einem Raum, der jede dieser Phasen in seiner Form bewahrt hat, wenn auch nicht immer auf den ersten Blick. Die folgende Darstellung folgt diesen Schichten der Reihe nach und nennt dabei auch die Stellen, an denen die Quellen voneinander abweichen.

Die Dominikaner in Göttingen: Gründung, Bau und Weihe

Der Predigerorden der Dominikaner war ein Bettelorden, und er suchte die Städte. Seine Brüder lebten von Spenden, predigten und hörten Beichte, und sie brauchten dafür Kirchen, in denen viele Menschen das gesprochene Wort verstehen konnten. Im Jahr 1294 erhielten die Dominikaner die Erlaubnis, sich in Göttingen niederzulassen. Sie wählten den westlichen Teil der Altstadt, das Gelände am heutigen Papendiek nahe dem Leinekanal, der die Leine durch die Stadt führte.

Ein Dominikaner vor der Baustelle einer gotischen Kirche

Der Bau ging zügig voran. Bereits 1304 stand die Kirche: eine dreischiffige Halle mit Kreuzgewölben, deren Schiffe annähernd gleich hoch sind. Diese Form verzichtet auf das hoch aufragende Mittelschiff der Kathedralgotik und schafft stattdessen einen weiten, gleichmäßig belichteten Raum. Unter den gotischen Hallenkirchen der Göttinger Altstadt ist die Dominikanerkirche die älteste. Der Innenraum misst 52 Meter in der Länge.

Die Weihe ließ auf sich warten. Erst 1331 wurde die Kirche den Aposteln Petrus und Paulus geweiht, und vom Namen des Paulus leitet sich die Bezeichnung „Paulinerkirche“ ab, die alle späteren Nutzungen überdauert hat. Zehn Jahre später, ab 1341, zogen Reliquien des Dominikanertheologen Thomas von Aquin zusammen mit einem versilberten Bildnis Pilger an. Die Wallfahrt blieb allerdings eine Episode.

Der Hochaltar von 1499

Das bedeutendste Ausstattungsstück der Klosterzeit ist heute nicht mehr in Göttingen. Der Hochaltar war über sieben Meter breit und zeigte auf 41 Tafeln die Passion Christi. Eine Inschrift aus dem Jahr 1499 nennt den Prior Johann Piper als Stifter und Hans Raphon als Maler. Nach der Auflösung des Klosters kam der Altar nach Walkenried. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er in Prag in der Nationalgalerie wiederentdeckt, weit entfernt von dem Raum, für den er gemalt worden war.

Zwei gotische Apostelfiguren mit Schlüssel und Schwert in Nischen

Rund um die Kirche wurde auch bestattet, zunächst im Kirchenraum selbst, später auf dem Paulinerkirchhof an der Südseite. Dieser Friedhof wurde im 17. Jahrhundert geschlossen, 2019 archäologisch untersucht und 2020 mit einem Parkplatz und einem Spielplatz überbaut.

Reformation in Göttingen: die Dominikanerkirche als Predigtort

Die Reformation erreichte Göttingen spät, zwölf Jahre nach Luthers Thesenanschlag. Am Anfang stand 1529 eine Bartholomäusprozession, gegen die die sogenannten neuen Wollenweber protestierten. Danach ging es schnell. Der Rat stand allerdings vor einem praktischen Problem: Über die Pfarrkirchen der Stadt hatte er nichts zu sagen, sie unterstanden dem Patronat des Herzogs, und der Herzog lehnte die evangelische Predigt dort ab.

Ein Prediger auf der Kanzel vor der Gemeinde im 16. Jahrhundert

Die Lösung lag bei den Bettelorden. Ihre Kirchen gehörten nicht zum herzoglichen Patronat, und die größte von ihnen war die der Dominikaner. Wie eng die Paulinerkirche Reformation 1529 und Stadtpolitik miteinander verknüpfte, zeigt die Wahl des Ortes: Gepredigt wurde dort, wo der Rat handeln konnte, nicht dort, wo die Gemeinde traditionell zusammenkam. Am 24. Oktober 1529 hielt der Prediger Friedrich Hüventhal in der Klosterkirche den ersten regulären evangelischen Gottesdienst Göttingens. Die Mönche hatten sich dagegen gewehrt, ohne Erfolg. In derselben Kirche wurden auch die ersten Göttinger Kinder evangelisch getauft.

Die neue Ordnung bekam bald eine schriftliche Form. Am Palmsonntag 1530 wurde die Göttinger Kirchenordnung verlesen. Martin Luther begutachtete sie, und 1531 erschien sie in Wittenberg im Druck, versehen mit einer Vorrede des Reformators. Für die Dominikaner bedeutete diese Entwicklung das Ende. Ihr Kloster wurde wenig später aufgelöst.

Das Pädagogium

In den leeren Klostergebäuden richtete Göttingen im 16. Jahrhundert ein Pädagogium ein, ein städtisches Gymnasium. Bei der Jahreszahl gehen die Angaben in der Literatur auseinander; die deutschsprachige Wikipedia gibt an, die Anlage sei ab 1586 als Pädagogium genutzt worden, andere Darstellungen setzen den Beginn der Schule früher an. Unstrittig ist die Folge: Dieses Pädagogium wurde zur baulichen Keimzelle der Universität.

Universitätskirche: Inauguration 1737 und akademische Gottesdienste

Die Georg-August-Universität ist eine Gründung der kurhannoverschen Landesregierung. Ihren Namen gab ihr Georg II. August, König von Großbritannien und Kurfürst von Hannover. Als Minister und Kurator begleitete Gerlach Adolph von Münchhausen (1688–1770) die Gründung und förderte die junge Hochschule großzügig. Der Lehrbetrieb begann 1734, und im selben Jahr wurde die Universitätsbibliothek gegründet. Auf dem alten Klostergelände entstand von 1734 bis 1737 das barocke Kollegiengebäude, das nach der englischsprachigen Wikipedia teils aus dem Material des Klosters errichtet wurde.

Akademischer Festzug beim Einzug in die Universitätskirche

Die feierliche Inauguration folgte am 17. September 1737, und zwar in der Paulinerkirche, im Beisein Münchhausens. Kein Bau der Stadt verbindet so eng wie die Paulinerkirche Reformation 1529, Universitätsgründung 1737 und die spätere Bibliotheksgeschichte. Elf Jahre nach der Eröffnung, 1748, kam der König selbst nach Göttingen, und wieder war die Kirche der Ort der Feierlichkeiten.

Als Universitätskirche diente der Bau bis 1803. Der Kirchenhistoriker Konrad Hammann hat diesem Thema im Jahr 2000 eine eigene Studie gewidmet, „Universitätsgottesdienst und Aufklärungspredigt“, die bei Mohr Siebeck erschien. Wer sich für die Frömmigkeitsgeschichte der Universität interessiert, findet dort den Rahmen, den eine kurze Darstellung nicht bieten kann.

Bemerkenswert ist die räumliche Ordnung jener Jahre. Kollegiengebäude, Bibliothek und Universitätskirche lagen auf demselben ehemaligen Klostergrundstück, die Bibliothek begann 1737 mit einem einzigen Saal in den alten Klostergebäuden. Lehre, Gottesdienst und Bücher teilten sich also einen Ort. Gerade wegen dieser Nähe verdichtet sich in der Paulinerkirche Göttinger Geschichte auf so engem Raum: Der Festsaal der Inauguration war zugleich der Raum der Sonntagspredigt, und zwei Generationen später sollte er der Raum der Bücher sein. Dass die Universitätskirche am Ende der eigenen Bibliothek weichen musste, sagt viel über eine Hochschule, die ihren Ruf auf ihre Sammlungen gründete.

Nach 1803: St. Johannis und St. Nikolai

Mit dem Ende der Gottesdienste in der Paulinerkirche verlor die Universität für zwei Jahrzehnte ihre eigene Kirche. Die akademischen Gottesdienste fanden als Gast in St. Johannis statt. Erst nachdem die Studenten 1819 eine Petition eingereicht hatten, erwarb die Universität die ehemalige Pfarrkirche St. Nikolai. 1822 wurde St. Nikolai zur neuen Universitätskirche geweiht; als erster Prediger wirkte David Julius Pott, Professor für Homiletik. Mehrere Epitaphe zogen aus der Paulinerkirche mit um, darunter der Gedenkstein für den Theologen Johann Lorenz von Mosheim. Die übrigen Gotteshäuser der Altstadt beschreibt die Seite über die Kirchen in Göttingen von St. Johannis bis St. Nikolai.

Vom Kirchenraum zum Historischen Saal

Die Bibliothek wuchs rasant. Aus rund 12.000 Bänden zu Beginn, im Kern der Privatbibliothek Joachim Hinrich von Bülows (1650–1724), wurden bis 1800 etwa 150.000. Johann Matthias Gesner leitete sie von 1734 bis 1761, Christian Gottlob Heyne von 1763 bis 1812. Heyne knüpfte Kontakte zu Buchhändlern, Diplomaten und Gelehrten im Ausland, um Literatur aus aller Welt zu beschaffen, und die Bibliothek verlieh großzügig, sogar an Studenten. Platz war bald das drängendste Problem.

Bibliothekssaal mit langen Regalen unter einem gotischen Gewölbe

Im Jahr 1803 wurden deshalb die Orgel des Orgelbauers Gloger und der Dachreiter entfernt. Die Orgel fand in Wittingen eine neue Heimat und wurde dort 1806 aufgestellt. Den eigentlichen Umbau brachte die westphälische Zeit. Göttingen gehörte damals zum Königreich Westphalen unter Jérôme Bonaparte, und zwischen 1808 und 1812 entstand nach Plänen von Friedrich Weinbrenner und Justus Heinrich Müller ein neuer Raum im alten. Die unteren Fenster verschwanden, eine Zwischendecke wurde eingezogen, und die obere Hälfte wurde zum Bibliothekssaal. Seither wirkt der 52 Meter lange Innenraum gedrungener, als die Dominikaner ihn geplant hatten.

1812 übergab man die Kirche schließlich der Bibliothek. Weil oben die geschichtlichen Bestände aufgestellt wurden, hieß der Saal fortan „Historischer Saal“. Wer genauer wissen will, wie dieser Büchersaal und die Bibliothek des 18. Jahrhunderts organisiert waren, findet mehr dazu auf der Seite über das Museum der alten Bibliothek.

Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und Wiederaufbau

Göttingen erlebte im Zweiten Weltkrieg acht Luftangriffe, den ersten am 7. Juli 1944. Sie galten vor allem den Bahnanlagen. Insgesamt verlor die Stadt nur 2,1 Prozent ihrer bebauten Fläche, und die historische Altstadt blieb weitgehend unversehrt. Zu den getroffenen Gebäuden gehörten trotzdem die Paulinerkirche und die Universitätsbibliothek, daneben das Auditorium, St. Johannis und das Alte Rathaus. Beim Angriff vom 24. November 1944 wurde die Kirche schwer beschädigt. Mehr als 130 Jahre lang hatte die Paulinerkirche Göttinger Geschichte als Büchersaal mitgeschrieben, nun war sie schwer getroffen. Die Bestände der Bibliothek kamen nach deren eigener Darstellung mit relativ geringen Schäden davon.

Die beschädigte Kirche nach dem Luftangriff 1944

Der Wiederaufbau erfolgte in etwas vereinfachter Form. Der obere Saal diente zunächst als Hörsaal, später nahm er den Niedersächsischen Zentralkatalog auf. 1949 erhielt die Bibliothek ihren heutigen Namen: Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. In welchem Jahr der Wiederaufbau der Kirche abgeschlossen war, nennen die gängigen Überblicksdarstellungen nicht.

Wo sich in der Paulinerkirche Göttinger Geschichte ablesen lässt

Mit dem Umzug der Zentralbibliothek in den Neubau am Platz der Göttinger Sieben im Jahr 1992 begann die jüngste Phase. Das Historische Gebäude wurde zum Ort der historischen Forschung und anschließend saniert. Die Bibliothek datiert diese Arbeiten auf 2000 bis 2006, die Wikipedia auf 1999 bis 2005; seitdem sind hier die Spezialsammlungen vereint. Die obere Hälfte der ehemaligen Kirche ist heute Vortrags- und Ausstellungssaal. Bücher aus der Bibliothek des 18. Jahrhunderts stehen dort, dazu Statuen aus der Abgusssammlung des Archäologischen Instituts. Was in diesem Raum seither gezeigt wurde, ordnet die Chronik der historischen Ausstellungen nach Jahren.

Blick in eine gotische Hallenkirche mit drei gleich hohen Schiffen

Wer die Paulinerkirche Göttinger Geschichte an Ort und Stelle nachspüren will, sollte auf drei Dinge achten. Erstens auf die Fenster: Ihre Höhe verrät die ursprüngliche Halle, während die zugesetzten unteren Partien vom Umbau des frühen 19. Jahrhunderts erzählen. Zweitens auf die Proportion des Saals, der für einen Büchersaal ungewöhnlich lang ist, weil er ein Kirchenschiff ist. Drittens auf das Umfeld. Das Kollegiengebäude, das Gebäude an der Prinzenstraße aus den Jahren ab 1878 und die Kirche bilden zusammen das Historische Gebäude, dessen Zugang am Papendiek liegt. Wie man am besten hinkommt, beschreibt die Seite zur Anfahrt zum Papendiek.

Einen Überblick über alle Themen dieses Leitfadens bietet die Startseite zur Paulinerkirche. Für eine vertiefte Lektüre bleibt vor allem die Literatur. Elmar Mittler gab 1994 im Wallstein Verlag den Band „700 Jahre Pauliner Kirche – vom Kloster zur Bibliothek“ heraus, der das Jubiläum der Klostergründung aufgriff. Lena Hoppe behandelte die Kirche 2015 in dem von Reiche und Scholl herausgegebenen Sammelband „Göttinger Kirchen des Mittelalters“. Älter, aber für die Baugeschichte grundlegend sind Werner Seidels „Baugeschichte der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek in Göttingen 1734–1953“ und Wulf Schadendorfs „Göttinger Kirchen“, beide von 1953.

Eine Frage beantworten auch diese Bücher nur zum Teil: wie der Raum der Dominikaner vor 1812 tatsächlich aussah, mit Hochaltar, Orgel und den hohen Fenstern bis zum Boden. Die Tafeln Hans Raphons tauchten in Prag wieder auf, die Orgel kam 1806 nach Wittingen, und der Saal selbst trägt seit mehr als zweihundert Jahren eine Decke, die es im Mittelalter nicht gab.

Häufige Fragen

Wann wurde die Paulinerkirche Göttingen gebaut?

Die Dominikaner erhielten 1294 die Erlaubnis, sich in Göttingen anzusiedeln, und begannen im Westen der Altstadt mit dem Bau ihres Klosters. Die Kirche war 1304 vollendet, eine dreischiffige, kreuzgewölbte Hallenkirche. Geweiht wurde sie 1331 den Aposteln Petrus und Paulus. Sie gilt als älteste der gotischen Hallenkirchen in der Göttinger Altstadt.

Welche Rolle spielte die Paulinerkirche bei der Reformation 1529?

Weil die Göttinger Pfarrkirchen unter herzoglichem Patronat standen, nutzte der Rat für die evangelische Predigt die Kirchen der Bettelorden. Die Dominikanerkirche war die größte. Am 24. Oktober 1529 hielt Friedrich Hüventhal dort gegen den Willen der Mönche den ersten regulären evangelischen Gottesdienst der Stadt. Auch die ersten evangelischen Taufen Göttingens fanden in der Paulinerkirche statt.

War die Paulinerkirche eine Universitätskirche?

Ja. Am 17. September 1737 wurde die Georg-August-Universität in der Kirche feierlich eröffnet, und bis 1803 fanden dort die akademischen Gottesdienste statt. Danach brauchte die Bibliothek den Raum. Die Universität feierte ihre Gottesdienste zunächst als Gast in St. Johannis, bis 1822 St. Nikolai zur neuen Universitätskirche geweiht wurde.

Seit wann ist die Paulinerkirche ein Bibliothekssaal?

Zwischen 1808 und 1812 wurde die Kirche unter Jérôme Bonaparte nach Plänen von Friedrich Weinbrenner und Justus Heinrich Müller umgebaut. Eine Zwischendecke teilte den Raum, die unteren Fenster verschwanden, und der obere Teil wurde zum Büchersaal. Nach Angaben der Bibliothek wurde die Kirche 1812 an sie übergeben; weil dort die Geschichtsbücher standen, hieß der Raum „Historischer Saal“.

Was geschah mit der Paulinerkirche im Zweiten Weltkrieg?

Beim Luftangriff vom 24. November 1944 wurde die Kirche schwer beschädigt, während die Göttinger Altstadt insgesamt vergleichsweise wenig Schaden nahm. Die Bestände der Bibliothek kamen relativ glimpflich davon. Nach dem Krieg wurde der Bau in vereinfachter Form wiederhergestellt; der obere Saal diente zunächst als Hörsaal, später dem Niedersächsischen Zentralkatalog.

Quellen und weiterführende Literatur

↑