Am Papendiek, ein paar Schritte vom Markt entfernt, steht ein Gebäudekomplex, in dem eine gotische Kirche und Bauten aus mehreren Jahrhunderten zusammengewachsen sind. Das Historische Gebäude der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, kurz SUB, verbindet die ehemalige Kirche der Dominikaner mit den Bauten, die im 18. und 19. Jahrhundert für die Universität und ihre Bücher entstanden sind. Wer hier steht, steht an dem Ort, an dem eine der einflussreichsten Bibliotheken der Aufklärung gewachsen ist.
Ein Museum mit Kasse, Rundgang und Vitrinen im üblichen Sinn ist das Haus nicht. Es ist eher ein Gebäude, das seine eigene Geschichte ausstellt: in seinem Grundriss, in einem Saal, der einmal Kirchenschiff war, und in den Sondersammlungen, die heute hier liegen. Diese Seite erzählt, wie aus einem Kloster eine Bibliothek wurde, warum sie im 18. Jahrhundert als vorbildlich galt und was von dieser Bibliothek der Aufklärung heute zu sehen ist.
Vom Kloster zur Universität
Die Geschichte beginnt lange vor der Universität. 1294 erhielten die Dominikaner die Erlaubnis, sich in Göttingen niederzulassen, und 1304 war ihre Hallenkirche fertig, die älteste unter den gotischen Hallenkirchen der Altstadt. 1331 wurde sie den Aposteln Petrus und Paulus geweiht, daher der Name Paulinerkirche. Nach der Reformation, die sich in Göttingen 1529 durchsetzte, verlor das Kloster seine ursprüngliche Aufgabe; 1586 wurde es zu einem Pädagogium umgewandelt, einer Schule. Die ausführliche Geschichte des Baus von den Dominikanern bis zur Reformation steht auf der Seite Paulinerkirche Göttingen: Geschichte.
Als der hannoversche Minister Gerlach Adolph von Münchhausen in den 1730er Jahren eine Universität für das Kurfürstentum aufbaute, griff man auf diesen Ort zurück. Zwischen 1734 und 1737 entstand auf den Fundamenten des Klosters das erste Kollegiengebäude, und am 17. September 1737 wurde die Georg-August-Universität in der Paulinerkirche feierlich eingeweiht, in Anwesenheit Münchhausens, der als Kurator die Gründung gesteuert hatte. Die Kirche wurde Universitätskirche, das Gebäude daneben beherbergte Hörsäle und, von Anfang an, die Bibliothek.
Eine Bibliothek aus dem Nachlass eines Hofbeamten
Gegründet wurde die Bibliothek 1734, drei Jahre vor der offiziellen Eröffnung der Universität. Ihr Grundstock war ungewöhnlich: Er stammte zum größten Teil aus der Privatbibliothek von Joachim Hinrich von Bülow, einem Celler Hofbeamten, der von 1650 bis 1724 lebte. Als die Universität 1737 eröffnet wurde, standen rund 12.000 Bände in einem einzigen Saal. Ein Kupferstich von Georg Daniel Heumann aus dem Jahr 1747 zeigt diesen Hauptsaal, der etwa 28,5 mal 11,4 Meter maß – ein Raum von rund 325 Quadratmetern, in dem eine ganze Universität ihre Bücher fand.
Wer Bücher besitzt, braucht Ordnung. Schon 1743 führte die Bibliothek einen alphabetischen Katalog ein, 1755 folgte ein systematischer. Das klingt nach einer Fußnote, war aber eine Voraussetzung für alles Weitere: Eine Sammlung, deren Inhalt niemand überblickt, kann man weder gezielt erweitern noch sinnvoll nutzen. Göttingen hatte diesen Überblick früh.
Den Anspruch formulierte Münchhausen als Kurator, umgesetzt wurde er von zwei Männern, die die Bibliothek fast achtzig Jahre lang prägten. Johann Matthias Gesner, den Münchhausen für die Universität gewonnen hatte, leitete die Bibliothek von 1734 bis 1761. Nach einem kurzen Zwischenspiel unter Johann David Michaelis übernahm 1763 der Altphilologe Christian Gottlob Heyne und blieb bis zu seinem Tod 1812.
Gesner, Heyne und die Bibliothek der Aufklärung
Unter Heyne wurde Göttingen zu dem, was man später eine Musterbibliothek nannte. Als er anfing, umfasste der Bestand rund 60.000 Bände, um 1800 waren es etwa 150.000, bei seinem Tod rund 200.000. Zum Vergleich: Die Universitätsbibliothek in Halle, ebenfalls eine bedeutende Hochschule der Zeit, besaß 1795 rund 20.000 Bände. Heyne baute in wenigen Jahrzehnten ein dichtes Netz aus ausländischen Buchhändlern, Diplomaten und Gelehrten auf, um Literatur aus ganz Europa und darüber hinaus zu beschaffen.

Entscheidend war weniger die Menge als das Prinzip. 1810 beschrieb Heyne die Erwerbungspolitik als ununterbrochene, planmäßige Anschaffung dessen, was eine wissenschaftliche Bibliothek tatsächlich braucht – nicht dessen, was gerade Mode war oder sich gut vorzeigen ließ. Göttingen kaufte das, was in der Forschung gelesen wurde, und hielt es vollständig. Damit war die Bibliothek ein Werkzeug der Universität, nicht ihr Schmuck.
Dazu passte, was die Universität selbst als Gründungsidee beschreibt. Göttingen sollte der Aufklärung dienen, Forschung sollte frei von theologischer Zensur möglich sein, und die Bibliothek wurde zu diesem Zweck gezielt gefördert. Sie stand auch den Studenten offen, was die Universität in ihrer eigenen Darstellung als für jene Zeit unerhörte Neuigkeit bezeichnet.
Einen prominenten Besucher hatte die Bibliothek im Sommer 1801. Johann Wolfgang von Goethe hielt sich in Göttingen auf und nutzte ihre Bestände. Nach der Darstellung der Universität nannte er sie ein „Capital, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet“. Selten hat jemand das Prinzip einer Forschungsbibliothek so knapp beschrieben: Was heute angeschafft wird, zahlt sich vielleicht erst in Jahrzehnten aus, und niemand kann vorher sagen, für wen.
Der Saal in der Paulinerkirche
Um 1800 war die Bibliothek ihren Räumen längst entwachsen. 1803 endeten die akademischen Gottesdienste in der Paulinerkirche, die Orgel und der Dachreiter wurden entfernt, und die Bibliothek übernahm die früheren Klostergebäude. Die Orgel ging 1806 nach Wittingen in die Kirche St. Stephanus.

Den eigentlichen Umbau brachte eine politische Episode. Göttingen gehörte nach dem Einmarsch Napoleons zum Königreich Westphalen, und unter König Jérôme Bonaparte wurde die Kirche zwischen 1808 und 1812 nach Entwürfen von Friedrich Weinbrenner und Justus Heinrich Müller umgestaltet. Die unteren Fenster verschwanden, eine Zwischendecke wurde eingezogen, und der obere Teil des 52 Meter langen Kirchenschiffs wurde zum Bibliothekssaal. 1812, im Todesjahr Heynes, wurde er an die Bibliothek übergeben. Aus der Kirche, in der die Universität 1737 gegründet worden war, wurde ein Raum für ihre Bücher.
Für die folgenden Jahrzehnte war dieser Saal das Herz der Bibliothek. In den 1830er Jahren arbeiteten hier Jacob und Wilhelm Grimm, die 1829 nach Göttingen berufen worden waren. Jacob Grimm verfasste 1833 eine Denkschrift über die Bedeutung der Bibliothek, die ihr vorübergehend mehr Geld verschaffte. Vier Jahre später verlor er seine Stelle: 1837 protestierten die „Göttinger Sieben“ gegen die Aufhebung der Verfassung durch den neuen König von Hannover, und Jacob Grimm wurde des Landes verwiesen.
Im selben Jahrzehnt fand in unmittelbarer Nähe ein Experiment statt, das mit Büchern nichts zu tun hatte. Nach Angaben der Universität installierten Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Weber 1833 einen elektromagnetischen Telegrafen von der Paulinerkirche zur Sternwarte, den ersten funktionstüchtigen seiner Art. Zur Geschichte der Göttinger Astronomie gehört auch Tobias Mayer, dem die Seite Tobias Mayer und die Astronomie in Göttingen gewidmet ist.
Wachstum, Krieg und Neubeginn
Im 19. Jahrhundert wuchs die Bibliothek weiter über ihre historischen Räume hinaus. 1866 kam sie mit dem Königreich Hannover unter preußische Verwaltung, um 1880 entstand an der Prinzenstraße die größte Erweiterung ihrer Geschichte, und 1886 wurde in Göttingen mit Karl Dziatzko der erste Lehrstuhl für Bibliothekshilfswissenschaften im deutschen Sprachraum besetzt. 1910 zählte der Bestand mehr als 570.000 Bände, zwischen 1914 und 1916 kam ein Magazinbau hinzu.
Auch die Verbindungen ins Ausland, die Heyne geknüpft hatte, wirkten nach. 1912 stellte der amerikanische Bankier J. P. Morgan eine Stiftung von 50.000 Dollar bereit, aus der die Bibliothek bis 1967 englischsprachige Literatur kaufte. Die Nähe zu England war in Göttingen ohnehin nichts Neues: Die Universität trug den Namen Georgs II., der zugleich König von Großbritannien und Kurfürst von Hannover war, und erst 1837 endete die Personalunion der beiden Kronen. Die Morgan-Stiftung lief dann noch drei Jahrzehnte über das Ende dieser Verbindung hinaus, bis in die späten 1960er Jahre.
Die Jahre nach 1933 gehören zu den dunklen Kapiteln. Die nationalsozialistischen Behörden griffen in Personal, Ausrichtung und Erwerbungen ein. Alfred Hessel, der als Jude und politisch missliebig entlassen worden war, starb 1939. Die Bibliothek hat inzwischen 1.080 Bücher als sicheres oder vermutetes NS-Raubgut identifiziert.
Am 24. November 1944 traf ein Luftangriff die Paulinerkirche schwer. Das Gebäude wurde weitgehend zerstört, die Bestände selbst kamen dagegen mit geringen Schäden davon. Nach dem Krieg wurde die Kirche in etwas vereinfachter Form wieder aufgebaut. 1949 erhielt die Bibliothek vom Land Niedersachsen den Namen Staats- und Universitätsbibliothek, 1950 überschritt der Bestand die Marke von einer Million Bänden.
Der nächste große Einschnitt kam mit dem Neubau. Auf dem geisteswissenschaftlichen Campus am Platz der Göttinger Sieben entstand ein Gebäude mit rund 22.000 Quadratmetern; die Bibliothek nennt 1992 für den Umzug und 1993 für die Eröffnung der Zentralbibliothek. Seitdem ist die Ausleihe des Alltags dort zu Hause. 1997 gründete die Bibliothek außerdem das Göttinger Digitalisierungszentrum, das alte Bestände in digitaler Form zugänglich macht. Für alte Drucke und Handschriften hat das einen doppelten Nutzen: Sie werden lesbar, ohne dass man das Original in die Hand nehmen muss, und das schont empfindliches Papier und Pergament. Das Historische Gebäude am Papendiek wurde nach Angaben der SUB zwischen 2000 und 2006 saniert, und dabei konnten die Sondersammlungen an diesem Ort zusammengeführt werden.
Was das Historische Gebäude heute zeigt
Damit hat sich der Charakter des alten Hauses verändert. Es ist kein Ort mehr, an dem Studierende Lehrbücher ausleihen, sondern einer, an dem Handschriften, Nachlässe und alte Drucke aufbewahrt und erschlossen werden. Ende 2016 verzeichnete die SUB insgesamt rund 5,9 Millionen Bände, mehr als 14.000 Handschriften, etwa 3.100 Inkunabeln und rund 400 Nachlässe. Zu den bekanntesten Stücken gehört die Göttinger Gutenberg-Bibel, eines von vier bekannten vollständigen Exemplaren auf Pergament, das 2001 in das UNESCO-Register „Memory of the World“ aufgenommen wurde.
Der Saal im oberen Teil der Kirche dient heute als Vortrags- und Ausstellungsraum. 2002 war dort die Ausstellung „Göttinger Nobelpreiswunder“ zu sehen, 2003 standen in diesem Raum die Gutenberg-Bibel und der koreanische Jikji nebeneinander, wie die Seite Jikji und Gutenberg beschreibt, und 2017 widmete sich „DingeDenkenLichtenberg“ dem Physiker und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg. Eine Chronik weiterer Schauen findet sich unter Ausstellungen in der Paulinerkirche. Ob gerade eine Ausstellung läuft und wann der Saal zugänglich ist, steht auf der Website der SUB Göttingen.
In diesem Sinn ist das Haus tatsächlich ein Museum der alten Bibliothek, nur eines ohne festen Parcours. Der gotische Kirchenbau der Dominikaner, die Zwischendecke der napoleonischen Zeit und der vereinfachte Wiederaufbau nach 1944 stecken alle in demselben Raum. Wer die Geschichte kennt, liest die Wände wie ein Inventar.
Ein Vergleich mit den großen barocken Bibliothekssälen in Wiblingen, Admont oder Weimar liegt nahe, führt aber ein Stück in die Irre. Jene Säle wurden gebaut, um Bücher feierlich zu zeigen. Der Göttinger Saal entstand aus einer Kirche, weil der Platz nicht mehr reichte, und er spiegelt damit genau das Prinzip, das Heyne vertrat: Nützlichkeit vor Pracht. Wer die prächtigen Säle trotzdem sehen möchte, findet eine Auswahl unter die schönsten Bibliotheken.
Für einen Besuch empfiehlt es sich, den Papendiek mit einem Gang durch die Altstadt zu verbinden. Vom Markt mit dem Gänseliesel sind es wenige Minuten, und unterwegs liegen die Häuser, an deren Fassaden Marmortafeln an Professoren und Studenten erinnern, die hier gelebt haben. Wie man von außerhalb zum Papendiek kommt, beschreibt die Seite Lageplan und Anfahrt.
Häufige Fragen
Seit wann gehört die Paulinerkirche zur Göttinger Bibliothek?
Die akademischen Gottesdienste in der Kirche endeten 1803, danach übernahm die Bibliothek die früheren Klostergebäude. Zwischen 1808 und 1812 wurde die Kirche unter Jérôme Bonaparte nach Plänen von Friedrich Weinbrenner und Justus Heinrich Müller umgebaut: Die unteren Fenster verschwanden, eine Zwischendecke wurde eingezogen, und der obere Teil wurde zum Bibliothekssaal. 1812 übergab man ihn der Bibliothek.
Mit wie vielen Büchern begann die Göttinger Universitätsbibliothek?
Als die Universität 1737 eröffnet wurde, besaß die Bibliothek rund 12.000 Bände, die in einem einzigen Saal standen. Den größten Teil bildete die Privatbibliothek des Celler Hofbeamten Joachim Hinrich von Bülow, der 1724 gestorben war. Um 1800 umfasste der Bestand bereits etwa 150.000 Bände, 1910 mehr als 570.000 und 1950 über eine Million.
Was sagte Goethe über die Göttinger Bibliothek?
Johann Wolfgang von Goethe nutzte die Bibliothek im Sommer 1801 während seines Aufenthalts in Göttingen. Nach der Darstellung der Universität nannte er sie ein „Capital, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet“. Der Satz wird bis heute gern zitiert, weil er die Idee der Göttinger Sammlung gut trifft: ein Bestand, der über Jahrzehnte planvoll aufgebaut wurde und dessen Nutzen sich erst mit der Zeit zeigt.
Was wird heute im Historischen Gebäude aufbewahrt?
Seit der Eröffnung der Zentralbibliothek auf dem Campus Anfang der 1990er Jahre dient das Historische Gebäude am Papendiek vor allem den Sondersammlungen der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek. Nach der Sanierung, die die Bibliothek für die Jahre 2000 bis 2006 angibt, konnten diese Bestände dort zusammengeführt werden. Der Saal in der ehemaligen Paulinerkirche wird für Vorträge und Ausstellungen genutzt.
Warum galt Göttingen als Musterbibliothek der Aufklärung?
Die Universität wurde mit dem Ziel gegründet, Forschung ohne theologische Zensur zu ermöglichen, und die Bibliothek wurde dafür gezielt gefördert. Unter Johann Matthias Gesner und Christian Gottlob Heyne wurde systematisch gekauft statt nach Zufall oder Prestige. Ungewöhnlich war außerdem, dass sie auch Studenten offenstand. Zum Vergleich: Die Universitätsbibliothek in Halle besaß 1795 rund 20.000 Bände.
Quellen und weiterführende Literatur
- History – SUB Göttingen at a glance · Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
- Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen · Wikipedia
- Paulinerkirche (Göttingen) · Wikipedia
- Universitätsgeschichte im Überblick · Georg-August-Universität Göttingen
